Krimis, Thriller und Liebesgeschichten - kostenlos als eBook downloaden.
Startseite

Seite 2 von 3 Seiten -  < 1 2 3 > 

Alltag Deutschland: Einbruch als kostenloses eBook

Alltag Deutschland: Einbruch

Ein Thriller von Ariane Aran

Am Morgen

Draußen wurde es hell. Wieder schaute Natalia auf die Uhr, obwohl sie wusste, wie spät es war. In vierzehn Stunden würde sie Marie am Bahnhof abholen. Natalia fühlte sich wie gerädert, kein Auge hatte sie seit dem Überfall zugetan.

Die Wohnungstür hatte nur ein normales Sicherheitsschloss. Natalia würde eine zusätzliche Sicherheitskette anbringen lassen, egal was Marie oder der Vermieter dazu sagten. Oder einen Panzerriegel, der quer übers Türblatt liefe.

Die Balkontür hatte Natalia geschlossen, und nie mehr würde Natalia sie öffnen. Marie auch nicht, wenn Natalia noch den geringsten Einfluss auf die Tochter hatte. Natalia würden die Balkontür verschrauben. Oder - falls der Vermieter Einspruch erhob - einen Aufbruchschutz anbringen lassen an beiden Seiten der Balkontür und an den Fenstern dazu.

Du drohst, über das Ziel hinauszuschießen, mahnte Natalia sich. Äußerlich hatte sie den Überfall nahezu unverletzt überstanden. Die Beule am Kopf kühlte sie mit einem Gelpack aus dem Eisfach. Der Einbrecher war, nachdem er das Backofenlicht eingeschaltet hatte, ebenso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war.

Natalia nahm das Kühlpack von der Schläfe und tastete nach der Beule, die scheinbar fast völlig zurückgegangen war. Natalia schob sich aus dem zerwühlten Bett. Anfangs waren ihre Schritte unsicher, und sie stützte sich an den Wänden ab, ging in Maries winziges Bad und knipste die LED-Lichtleiste über dem Spiegel an. Natalia drehte den Kopf zur Seite, konnte aber den richtigen Winkel nicht finden, um die Beule zu begutachten. Sie hielt ihren Kopf dichter an den Spiegel. So dicht, dass ihr Kinn ein Fläschchen Nagellack vom Bord unterm Spiegel stieß. Klirrend fiel es ins Waschbecken, zerbrach zum Glück nicht. Natalia stellte ihren roten Nagellack zurück aufs Bord. Sie durfte nicht vergessen, ihn nachher einzupacken. Marie hasste roten Nagellack.

Wo hatte Marie ihren Schminkspiegel? Natalia suchte unter dem Becken. Meister Proper, blondierende Spülungen, Nagellack, Schwämme … aber kein Spiegel war zu finden. Natalia holte ihr Smartphone aus dem Mantel, der neben der Wohnungstür hing. Sie wollte sich fotografieren und die Beule auf dem Bildschirm begutachten. Mit einer auffälligen Beule konnte sie unmöglich eine Präsentation vor Einkäufern halten. Über die Entriegelung des Startbildschirms kam Natalia nicht hinaus, dann schaltete sich das Smartphone ab: Der Akku war leer.

Sie hatte das Ladegerät zu Hause vergessen, und Marie hatte ihr eigenes mitgenommen. Sie brauchte nicht danach zu suchen, Marie hatte es ihr gestern am Telefon erzählt, als Natalia danach fragte. Natalia steckte das Smartphone zurück in die innere Manteltasche zu Portemonnaie und Laserpointer. Unter dem Mantel hing die Kaschmirjacke, die Marie letzten Winter geliebt hatte. Natalia tastete die Jacke ab und fühlte einen harten Gegenstand: eine Puderdose von Marie. Natalia drückte den Knopf am geriffelten Rand des Plastikgehäuses, und der Dosendeckel klappte hoch. In den Deckel war ein runder Spiegel eingepasst, mit dem Natalia im Zusammenspiel mit dem großen Spiegel im Bad ihre Schläfe betrachten konnte.

Eine Beule war nicht zu sehen. Sie hielt den Kopf näher an den Badspiegel, veränderte den Winkel zum Schminkspiegel.

“Das ist merkwürdig.”

Da war eine Beule gewesen. — Sie hatte sich das nicht eingebildet.

Natalia betastete die Stelle. Es tat nicht weh. Kopfschmerzen waren auch keine mehr da. Dabei hatte der Einbrecher ihren Kopf gegen die Wand geschlagen.

Natalia ließ den Deckel der Puderdose zuschnappen und steckte sie ein. War der Einbrecher womöglich nie dagewesen? Hatte sie alles geträumt?

Das war nicht möglich. Die ganze Nacht hatte sie wach gelegen vor Entsetzen darüber, was sie erlebt hatte. — Oder hatte sie in Wahrheit geschlafen?

Aber dann wäre sie jetzt ausgeschlafen und würde sich nicht wie zerschlagen fühlen.

Natalia befühlte die Scharniere der Balkontür und konnte keine Beschädigungen feststellen. Sie wollte die Balkontür öffnen, ihre Hand lag schon auf dem Griff; aber sie konnte ihn nicht herunterdrücken. Wenn der Einbrecher auf dem Balkon lauerte …

Aber das ist Unsinn, Natalia. — Sie schaute auf den Balkon, schaute hinunter auf die Straße. Es wurde hell, kein Mensch war zu sehen. Fast gewaltsam drückte Natalia den Griff und öffnete die Balkontür ein Stück weit, um Schloss und Zarge zu prüfen. Im Metall waren Riefen zu erkennen. Aber die konnten von normalem Verschleiß herrühren. Natalia schloss die Tür sorgfältig und ging zur Kochnische.

Der Herd stand schief, die Backofentür war ausgehebelt, das Glas zerbrochen.

Der Anblick ließ Natalias Herzschlag stolpern, die Schrecken der vergangenen Nacht wurden gegenwärtig. Obwohl … Natalia hätte den Ofen auch selbst so zurichten können.

Vielleicht nachtwandelte sie?

Der Pflaumenkuchen drohte, vom schiefen Herd zu rutschten. Natalia stellte das Kuchenblech auf den Kühlschrank. Ihr fiel ein, dass sie noch einen Becher Sahne kaufen musste, bevor Marie kam. Natalia holte ein Messer aus der Schublade und setzte an, den Kuchen zu zerteilen, damit er in den Kühlschrank passte, da streifte ihr Blick die Finger, die das Messerheft hielten.

Natalia legte das Messer beiseite und beschaute ihre Fingernägel. Sie hatte die Nägel gestern nach dem Kuchenbacken und vor dem TV-Duell rot lackiert und Klarlack darüber gepinselt, da heute Nachmittag die Präsentation anstand.

Sie hatte den Einbrecher gekratzt, sogar tief gekratzt. Ihre Nägel waren durch seine Haut gegangen, Natalia hatte das Fleisch des Einbrechers gespürt. Zumindest glaubte sie das. Aber ihre Fingernägel waren unbeschädigt. Der rote Lack war makellos.

Natalia drehte ihre Hand um und schaute unter die Nägel. Kein Blut, keine Hautfetzen waren zu entdecken.

War alles doch nur ein Traum gewesen?

Wenn die Ereignisse der Nacht Einbildungen waren … dann konnte sie sich selbst und ihrer Wahrnehmung kaum mehr trauen.

Der Gedanke beunruhigte Natalia. Aber vielleicht sollte sie den Vorfall nicht so schwer nehmen.

Sie hatte schlecht geträumt, so einfach war das. Natalia atmete durch. Ein schlechter Traum! Mehr war es nicht gewesen.

Erleichterung stellte sich ein. Die große, fremde Stadt war weniger gefährlich als gedacht. Wahrscheinlich hatte der Traum seine Ursache in Natalias Angst um die einzige Tochter.

Marie war in die Stadt gezogen, obwohl Natalia davon abgeraten hatte. Natalias Ex-Mann lebte hier, und bei Natalia löste es Unbehagen aus, die Tochter in der Nähe ihres Ex-Mannes zu wissen. Das war irrational, und Natalia hatte deswegen nicht mit Marie darüber gesprochen.

Aber die Verbrechens- und Einbruchsstatitstiken, die waren real. Die Einbruchsrate war in der Stadt viel höher als im Heimatdorf Altenbeken, wo Marie aufgewachsen war und wo Natalia weiterhin wohnte. Im Stadtblog hatte Natalia gelesen, dass die städtische Polizei bekanntgegeben habe, bei Einbrüchen nicht mehr länger Ermittlungen aufzunehmen, da es zu viele Einbrüche wären und man sich auf die wichtigen Dinge - schwere Körperverletzung, Raub und Mord - konzentrieren wolle.

“Mama”, hatte Marie gesagt und Natalia hatte durchs Telefon gehört, wie Marie mit den Augen rollte, “und am Ende schreibt der Blogger, dass die personelle Ausstattung der Polizei unbedingt aufgestockt werden müsse, oder?”

“Ja, das stand da, glaube ich.”

“Wie platt ist das denn. Natürlich behauptet die Polizei, mehr Personal zu benötigen. Jede Behörde behauptet das und wird dir mit Statistiken belegen, ansonsten ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen zu können. Der Blogger hat ein nettes Handgeld eingestrichen für den Artikel und kann damit im nächsten Monat seine Serverkosten bezahlen.”

Die Diskussion hatte Natalia letzte Woche mit ihrer Tochter gehabt. Daraufhin hatte Natalia sich um die Einkäuferpräsentation in der Stadt bemüht, um einen unverdächtigen Grund zu haben, Marie in ihrer Stadtwohnung zu besuchen. Übers Wochenende war Marie zu ihrer besten Freundin gefahren, die in einer Studenten-WG in Göttingen wohnte, wo sie nächsten Monat ein Lehramtsstudium aufnahm. Heute Abend kehrte Marie zurück, und Natalia hatte in Maries Stadtwohnung gestaubsaugt und für frische Lebensmittel im Kühlschrank gesorgt.

Maries Begeisterung war begrenzt gewesen, als sie von Natalias Besuchsplan erfahren hatte. Aber der eigenen Mutter eine Übernachtung zu verweigern und sie ins Hotel zu schicken, das ging schlecht.

Natalia teilte den Kuchen und stellte die Stücke in den Kühlschrank. Sie fegte die Glasscherben beiseite. Dann schob sie den Herd zurück in die Kochzeile. Es blieb ein störender Zentimeter Luft zwischen Herd und Wandkacheln. Natalia drückte mit dem Fuß gegen den Herd, um die Lücke zu schließen. Aber der Herd bewegte sich nicht. Sie trat gegen die Herdkante. Noch einmal und fester diesmal, und der Herd rutschte mit einem Rumms an seinen Platz, und aus dem verdrehten Scharnier der Ofentür sprang etwas heraus und kullerte aufs Linoleum.

Natalia hob es auf. Es war ein Knopf, ungewöhnlich klein war er. Ein Knopf für ein Button-Down-Hemd, dachte Natalia. Da war ein rotes Pünktchen auf dem Knopf. Natalia beäugte es. Das war Blut; ein getrocktneter Blutstropfen auf der Vorderseite des Button-Down-Hemdknopfes.

Natalia hielt den Atem an. Als sie den Einbrecher im Traum kratzte und sich ihr Zeigefinger unter dem Kragen seines Oberhemds verfing, platzte ein Hemdknopf ab.

Natalia atmete aus, es klang wie ein Seufzen. Der Einbrecher, er war real gewesen. Natalia hielt seinen Knopf zwischen Daumen und Zeigefinger.

Wir danken Ariane Aran für die Genehmigung, Ausschnitte ihres neuen Thrillers “Einbruch” hier veröffentlichen zu dürfen. Das eBook ist bei Amazon erhältlich.

Seite 2 von 3 Seiten -  < 1 2 3 > 

Startseite

Kontakt © 2007–2017