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Alltag Deutschland: Einbruch als kostenloses eBook

Alltag Deutschland: Einbruch

Ein Thriller von Ariane Aran

Natalia steckte den Knopf ein. Sie schwitzte im Rücken und unter den Armen. Ihr Herz klopfte heftig. Wieder ging sie zur Balkontür und versicherte sich, dass die Tür verschlossen war, obwohl sie es eigentlich wusste. Sie ging zur Wohnungstür, auch diese war verschlossen und verriegelt. Natalia knipste das Licht im Bad an und schaute hinter den Duschvorhang. Niemand verbarg sich dort. Natalia guckte in den Schrank, wo Wischeimer und Staubsauger verstaut waren. Dort war niemand. Auch nicht im Kleiderschrank, den Marie - wie Natalia nun feststellte - bis ins letzte Fach mit Klamotten von H&M, Zara und Bench gefüllt hatte.

Natalia stand vor der Spüle, drehte den Hahn auf, spritzte sich Wasser ins Gesicht. Ruhig bleiben und nachdenken. Der Einbrecher war hier gewesen. Das war kein Traum.

Natalia ging auf die Knie und untersuchte die beiseite gefegten Scherben der Backofentür. Dazwischen fand sie lange blonde Haare von Marie. — Und andere, unauffälligere Haare, die sich von der Farbe des Linoleums kaum absetzten: Sie waren braun und kürzer. Büschel davon fand sie. Es waren die Haare, die Natalia dem Einbrecher in der Nacht während des Kampfes ausgerissen hatte.

Natalia stand auf, barg die Haarbüschel in einem Einfrierbeutel. Ihr Herz schlug schneller.

“Du wird jetzt nicht panisch, Natalia.”

Sämtliche Türen waren verschlossen, außer ihr war niemand in der Wohnung. — Sie würde duschen. Duschen und überlegen.

Unter der Dusche wurde Natalia klar, dass es das Beste wäre, zur Polizei zu gehen und den Vorfall zu melden. “Anzeige erstatten” nannte sich das, glaubte Natalia. Schließlich konnte der Einbrecher wiederkommen. Deswegen würde sie keine Nacht länger hier übernachten. Anzeige erstatten und abreisen.

Natalia stutzte: Und Marie wollte sie zumuten, weiterhin hier zu schlafen?

Das Problem musste Natalia unbedingt mit der Polizei erörtern. Die Polizei hatte etwas zu unternehmen. Außerdem würde Natalia die Präsentation bei den Pharmareferenten absagen — in welche Lage auch immer sie dadurch die Firma brachte. Mochte ihr Chef motzen … Sie wäre heute sowieso kaum in der Lage, vor dreißig Einkäufern erfolgversprechend zu präsentieren: Ihre Gedanken waren bei Marie.

Natalia verzichtete auf die Spülung, drehte das Wasser ab, rubbelte sich trocken. So bald wie möglich wollte sie bei der Polizei sein, und den Hemdknopf und den Plastikbeutel mit den Haaren nähme sie mit.

Sie schlüpfte in ihre Lieblingsschuhe mit den harten Sohlen und zog den Mantel über. Bei der Polizei brauchte sie einen Ausweis. Sie suchte nach ihrer Brieftasche in dem Softbag, das heute Nacht ihren Aufprall abgefedert hatte. Zerbrochene Probenfläschchen rutschten heraus. Natalia kippte das Softbag aus. Pillen waren zerbröselt, klebten im Futter des Softbags. Natalia sammelte Glasscherben, herumkullernde Probenpillen und zerknickte Präsentationsfolien ein und warf sie in den Küchenmülleimer. Die wenigen heil gebliebenen Pillenproben und die Brieftasche steckte sie in ihre Hosentasche. Das Softbag stellte sie im Badezimmer auf das Waschbecken, damit sie bei ihrer Rückkehr daran dachte, es mit Shampoo zu säubern. Die zerdrückten Herzpillen enthielten Kaliumchlorid, welches auf Dauer das Viskosefutter des Softbags angriff. Den Nagellack durfte sie nachher nicht vergessen.

Auf den knarrenden Holzstufen nach unten wurde Natalia klar, dass sie nicht wusste, wo sich die nächste Polizeistation befand. Google Maps würde nicht funktionieren, der Handyakku war leer.

Natalia öffnete die Haustür. Sie hörte die Geräusche der erwachenden Stadt, die Morgenluft strömte herein — Natalia bekam Atemnot und konnte keinen Schritt über die Schwelle machen. Der Bürgersteig war ungeschütztes Territorium. Schon hinter den Hausmüllcontainern konnte der Einbrecher lauern. “Hab ich dich”, konnte er sie anherrschen, sie zwischen die Container und das Rosengitter ziehen und würgen.

Natalia drückte die Haustür zu. Wo die Polizeistation lag, wurde unwichtig. Mit dieser Angst im Körper wäre sie sowieso unerreichbar.

Dennoch nahm Natalia einen zweiten Anlauf. Sie öffnete die Haustür, holte Luft, erzwang einen Schritt auf die Pflastersteine vor der Schwelle.

Ihre Knie gaben nach. Die Lunge stieß die angehaltene Luft aus, verlangte frische Luft, bekam sie nicht.

Natalia zog sich ins Haus zurück und schloss die Tür. Stotternd sog ihre Lunge Luft ein; mit dem Rücken lehnte Natalia an der Tür. Natalia würde nicht in Tränen ausbrechen, sie würde nicht verzweifeln. Sie war eine starke Frau. Aber so ging es nicht, sie konnte das Problem nicht mit Gewalt lösen.

Auf wackligen Beinen und mit beiden Händen am Holzgeländer stieg Natalia die ersten vier Steinstufen hinauf. Sie fühlte sich unsicher. Fast war sie panisch. Aber sie hatte eine Idee. Sie klingelte an der Tür von Frau Fissahn, die in der Wohnung im Erdgeschoss lebte.

Frau Fissahn hatte Natalia gestern im Treppenhaus abgepasst und in ein Gespräch verwickelt. Natalia war gerade vom Bahnhof gekommen und hatte ihr Köfferchen in der linken Hand, das Softbag über der Schulter und die REWE-Tüte mit dem Mehl für den Kuchen in der rechten Hand. Frau Fissahn war eine nette ältere Dame, die gern erzählte und Natalia mit einem halben Pfund Butter für den Kuchen aushalf.

Sie ließe Natalia mit der Polizei telefonieren.

Nachdem Natalia den Klingelknopf gedrückt hatte, dauerte es jedoch, bis sich hinter Fissahns Wohnungstür etwas rührte. Natalia stellte sich mittig vor die Tür, sodass Frau Fissahn sie durch den Spion sehen konnte. Ob es zu früh am Morgen war? Rentnerinnen ständen zeitig auf, glaubte Natalia bisher. Vielleicht war das ein Vorurteil.

Natalia hörte ein Klimpern. Das war die Vorhängekette, Frau Fissahn benutzte sie also auch. Natalia würde Marie einschärfen, die Kette immer zu benutzen. Marie war mit ihren 19 Jahren zu leichtsinnig.

Zögernd öffnete sich die Wohnungstür. In der Dunkelheit des Wohnungsflurs stand nicht Frau Fissahn, sondern ein Mann mit braunen Haaren. Pfefferminzgeruch wehte Natalia entgegen, und der Mann lächelte. Wie ein Haifisch, der einen unverhofften Snack entdeckte.

“Sie wollen wirklich zu mir?”

“N-nein … nein …”

Doch es war zu spät.

Wir danken Ariane Aran für die Genehmigung, Ausschnitte ihres neuen Thrillers “Einbruch” hier veröffentlichen zu dürfen. Das eBook ist bei Amazon erhältlich.

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