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Fünfhunderteins

Ein Roman von Felix Scharlau

Unten auf der Vaihinger Straße wurde es allmählich laut. Selçuks Schafe weckten das wie narkotisiert vor ihm liegende Wohngebiet. Peter rannte zum MAN-Container-LKW, den sie zuvor in zweiter Reihe geparkt hatten. Beinahe athletisch, mit der Betonung auf beinahe, sprang er ins Fahrerhaus.

Kalle diskutierte derweil mit einer Fahrerin oder einem Fahrer in einem dunkelgrünen Fiat Punto. Von hier oben war das nicht zu sehen. Der Autoinsasse war im Begriff, rückwärts in die mit einem rot-weißen Absperrband gekennzeichnete Parklücke direkt vorm Haus einzuparken. Dort, wo natürlich gleich der Leer-Container abgeladen werden sollte.

Selçuk stöhnte.

Kein Wunder, dass die Deutschen über Jahrhunderte einen Fetisch für Regeln und Behörden etablieren konnten, wenn dasselbe Volk sich parallel dazu so unsagbar blöd verhielt. Blöd und uneinsichtig.

Letzteres ließ sich selbst aus seinem Krähennest heraus konstatieren. Er las es an der entnervten Körperhaltung von Kalle, der jetzt reihum auf das Absperrband, den LKW und zu ihm, Selçuk, nach oben zeigte.

Selçuk Korkmaz hatte genug.

»Fahren Sie Ihre scheiß Karre da weg oder ich werfe Ihnen ein Klavier aufs Dach!«, brüllte er nach unten.

Kalle hob den Kopf und suchte die Fassade des sechsstöckigen Siebzigerjahre-Baus nach dem Fenster mit seinem Chef ab. Bingo, jetzt sah er ihn. Als Beweis winkte er Selçuk fröhlich zu.

Der Autoinsasse hingegen hatte sichtlich Mühe, sich bei geöffnetem Fahrerfenster und angeschnalltem Rumpf gen Himmel zu verrenken, um Selçuk wütend zu fixieren. Endlich gelang es ihm. Wenn auch deutlich zu spät, um ohne Punktabzug in die kommende Runde des Disputs zu ziehen.

»Was fällt dir ein, wie redest du mit mir?«, rief der Rentnerkopf nach oben. An seinem kahlen Ende versuchte eine knochige, bleiche Hand einen grauen Hut festzuhalten.

Wer um Himmels willen, fragte sich Selçuk, trug heute noch einen Hut beim Autofahren?

Was war das hier?

Chicago zu Zeiten der Prohibition?

In einer Wohnung irgendwo unter Selçuk schrie ein Kleinkind auf und verstummte wieder. Zeitversetzt antwortete aus dem Wohnblock auf der anderen Seite der Vaihinger Straße ein Hund. Er wirkte überaus interessiert an Konversation und hoffte wohl, das Kind würde erneut schreien.

Tat es aber nicht.

»Sie lassen jetzt meine Mitarbeiter sofort ihren Job machen! Oder Ihre Karre parkt in zwanzig Minuten beim Abschleppdienst, verdammte Scheiße!«

Der Rentner verharrte kurz in vorgezogener Totenstarre. Dann zog er den Kopf ins Gehäuse zurück, als sei der Fiat ein Schildkrötenpanzer. Der Motor sprang an, ging aber sofort wieder aus. Abgewürgt. Erst beim zweiten Versuch wurde er mit übertrieben viel Gas zum Laufen verdammt.

Kalle trat einen Schritt zurück, und die Fiat-Schildkröte zog sich geschlagen, aber kreischend auf die Vaihinger Straße zurück. Seltsam eckig, so wie man es garantiert auch nicht in den Kraftfahrschulen der Weimarer Republik gelernt hatte, überholte sie den LKW und verschwand allmählich aus Selçuks Blickfeld.

»Okay, Chef, wir sind dann gleich oben! Zehn Minuten!«, schrie Kalle gegen den ebenfalls gestarteten LKW an.

Selçuk hob den Daumen, dann schloss er das Fenster.

*

Der Kotzboden, der Pressspan-Couchtisch, das Ledersofa, das ›Billy‹-Regal, die minderwertige Plastik-Kopie einer Bahnhofsuhr und das einsame Poster mit der letzten Meistermannschaft des VfB Stuttgart lagen vor Selçuk Korkmaz wie ein Kupferstich von Albrecht Dürer.

Ein naturalistisches Alltagsbild, banal und trist. Aber auch seltsam lebendig.

Er kannte das Gefühl, das ihn jetzt überkam, schon zur Genüge. Irgendwann wurde jeder Raum, den er entsorgte, für ihn zu einem Tunnel in die Vergangenheit.

Vor einer Woche noch hatte hier ein Mensch gewohnt und gelesen. Ferngesehen, gearbeitet, gegessen, geliebt und geschlafen.

Jetzt war er weg.

Selçuk fand das weitaus weniger traurig als die meisten Mitmenschen, denen er ab und an von seiner täglichen Arbeit berichtete. Ihm erschien die stets neu variierte Wohnsituation, die ein plötzlicher Tod hinterließ, jedes Mal aufs Neue faszinierend. In ganz düsteren Stunden gab manchmal erst der Tod dem Leben von Selçuk Korkmaz einen rechten Sinn.

Während er so dasaß und sich im Zimmer umsah, erinnerte er sich mal wieder an 1988. Das Jahr, in dem sich seine beruflichen Weichen wie von magischer Hand von selbst gestellt hatten.

Fünfzehn Jahre war Selçuk damals alt gewesen. Mehr oder minder gelangweilter Schüler des mehr oder minder guten Reuchlin-Gymnasiums in Pforzheim.

Gelangweilt fühlte er sich im Laufe seiner Schulzeit vor allem deshalb so häufig, weil er die meisten Stoffe, die behandelt wurden, schon nach dem ersten Hören dauerhaft erinnern konnte.

Oder es gelang ihm nie, sie sich zu merken. Zwischen diesen Extremen gab es eigentlich nichts.

Das Lernen für Klassenarbeiten machte bei dieser Disposition wenig Sinn für ihn. Was er sich auf Anhieb hatte merken können, schrieb Selçuk in der Prüfung Wochen später einfach hin. Der Rest fehlte.

Am Ende seiner Schulzeit reichte das Prinzip für einen Abiturschnitt von 2,4 – auch bekannt als der Standard-Notendurchschnitt der intelligent-faulen Schüler. Auf dem langen Weg zum eigenen Abi gab es für den jungen Selçuk aber entsprechend viel schulischen Leerlauf. Genug Zeit, sich im Unterricht ausgiebig zu langweilen.

Wohl eher noch früher, überlegte Selçuk Korkmaz auf der Heizung sitzend, etwa im Herbst 1987 musste es gewesen sein, als er mal wieder die fünfundvierzig Minuten des außerordentlich tristen Ethikunterrichts runterticken ließ. Der war einige Zeit zuvor in Baden-Württemberg für alle verpflichtend geworden, die nicht das Pech hatten, katholisch oder evangelisch getauft zu sein.

Ethik gestaltete sich an seiner Schule deshalb sogar noch öder als der Restunterricht, weil hier noch weichere didaktische Faktoren walteten, als im liberalen Reuchlin-Gymnasium ohnehin schon üblich.

Laut Lehrplan sollten im Religions-Ersatzunterricht ethisch-moralische Reflexionen angestoßen, das individuelle Diskursniveau der Schüler gesteigert und das gesellschaftliche Miteinander beleuchtet werden. Darum ging’s im Grunde genommen.

Theoretisch.

Konkret hieß das: Jeder Schüler wurde ohne Unterlass dazu ermutigt, einfach alles laut auszusprechen, was ihm gerade so einfiel. Wohlgemerkt inklusive der von vielen Schülern weidlich genutzten Option: Erst aufzeigen, dann nachdenken.

Am Ende jeder Schulstunde war auf die Art irgendwie alles richtig gewesen, hatte jeder mit seinen Argumenten ins Schwarze getroffen.

Die Schülerinnen und Schüler verließen den Unterricht beseelt von ihrer vermeintlichen Geistesreife. Teilweise, da war sich Selçuk sicher, wohl sogar in dem Irrglauben, gerade etwas fürs Leben oder über sich selbst gelernt zu haben.

Der Lehrplan mochte vorschreiben, was er wollte: Die Ethikstunden bildeten seichte Stream of Consciousness-Sitzungen für Jugendliche, in denen es ein wenig um die Probleme der Welt ging. Aber keine Sorge, liebe Eltern – nur ein wenig.

Im dienstäglichen Ethikunterricht verfolgte Selçuk Korkmaz, der stets in der letzten Reihe links außen alleine an einem Zweiertisch saß, daher konsequent eigene Bildungsziele.

Sein Privatunterricht fand unter dem Tisch statt. Geleitet von Francisco Ibáñez, Insidern besser bekannt als der Zeichner der »Clever & Smart«-Comicreihe.

Entsprechend wenig beteiligte sich Selçuk an den um ihn herum unablässig aufblühenden, erlahmenden und bald kümmerlich ersterbenden Diskussionen über den Sinn des Lebens, Tschernobyl, »die« Bombe oder Aristotelische Ethik.

Aus der elfköpfigen Schülergruppe, die sich aus einigen Muslimen, mehreren Heiden und zwei bemitleidenswerten Drop-outs der Zeugen Jehovas zusammensetzte, war er daher der einzige, der schlechte Noten in Ethik erhielt. Es war ihm egal.

Dennoch war es ausgerechnet eine jener Ethikstunden, die sein Leben veränderte. Auf Selçuks Casio-Armbanduhr schimmerten gerade monochron die Ziffern 11:32, als er abrupt von seinem Comic mit dem Titel »Harry Hertz macht wieder Terz« aufsah.

Irgendwas war doch, oder?

Hatte er nicht gerade seinen Namen gehört?

Vermutlich.

Zumindest starrten ihn alle an. Sogar die beiden Jehova-Zwillinge Frederik und Malte – und das wollte was heißen. Denn die waren praktisch Autisten.

»Also?«, wollte Frau Kollwitz jetzt von ihm wissen. Selçuk Korkmaz blickte sie an und schämte sich. Nicht etwa, weil er nicht zugehört hatte. Das bildete ja eines der stolzen Leitmotive seiner Ethikstunden.

Er schämte sich, weil ihm jetzt, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, wieder einfiel, mit welchen Worten Referendarin Kollwitz von den meisten Schülern, darunter sogar etliche Mädchen, hinter ihrem Rücken charakterisiert wurde.

Frau Kollwitz sei »definitiv«, wie stets vermeintlich verifizierend vorausgeschickt wurde, »rattenscharf« und »willig«.

Zwar gab es für beide Unterstellungen keine handfesten Beweise. Nicht mal Indizien, die einem pubertären Gericht hätten standhalten können. Aber Beate Kollwitz, die mit Abstand jüngste weibliche Lehrkraft an der Schule, hatte das Urteil bereits per Anstellungsvertrag unverrückbar mitunterzeichnet.

Die Rache der späten Geburt.

»Also … was noch mal?«, versuchte Selçuk Zeit zu gewinnen und starrte mühevoll an Frau Kollwitz’ Dekolleté vorbei. Die Gerüchte hatten auch ihn, das musste er sich jetzt endgültig eingestehen, nicht kaltgelassen.

»Nicht immer nur die anderen. Ich hätte gerne auch mal deine Meinung gehört, Selçuk. Was würdest du machen, wenn du der letzte Mensch auf Erden wärst?«

Selçuk musste sich das Lachen verkneifen. Da hätte er heute doch lieber mal zuhören sollen im Unterricht. Richtig witzig ging es hier in der Nicht-Reli-Spinnergruppe zu.

Letzter Mensch auf Erden?

Wo, um Himmels willen steckte denn in dieser Endzeit-Kindervorstellung im Entferntesten eine moralisch-ethische Fragestellung, die es im Unterricht zu erörtern wert gewesen wäre? War das Fach jetzt endgültig auf dem Niveau von ›Mein schönstes Ferienerlebnis‹ gelandet?

Umso erstaunlicher erschien ihm seine Reaktion. Er bemerkte, dass er bereits wie fremdgesteuert begonnen hatte, die Frage von Frau Kollwitz zu beantworten.

Statt weiter nachzudenken, hörte er sich daher nun besser mal selbst beim Reden zu.

Ja, doch.

Das war seine Stimme, die sich da wie ein reißender Strom ihren Weg durchs Klassenzimmer bahnte und zwei Jahre Ethik-Schweigen mit sich riss.

Aber war es wirklich auch sein Gehirn, das diese Sätze ausspuckte?

»… würde ich halt erst mal im Baumarkt einbrechen, okay? Oder einfach reingehen, klar. Je nach Katastrophe – Zombies, Meteor, Strahlen – sind ja vielleicht alle Menschen außer mir auf einen Schlag gestorben. Einfach bei dem, was sie gerade so gemacht haben. Wenn das tagsüber passiert ist, was mir nur recht wäre, sonst wird’s nämlich kompliziert, aber in Hollywood-Filmen passiert das ja auch nie nachts, da sieht man sonst nix und kann gar keine Geschichte erzählen. Also, wenn die Welt tagsüber untergeht, sind natürlich auch alle Geschäfte auf und ich kann mir überall einfach holen, was ich will. Im Baumarkt nehme ich erstmal alles mit, was man so zum Einbrechen braucht. Stemmeisen, Dietrich, Vorschlaghammer – gibt’s im Baumarkt eigentlich Sprengstoff? Nee, wohl eher nicht, dann hole ich den halt später woanders. Draußen schließe ich dann ein Auto kurz oder noch einfacher: Ich zieh `ner Leiche einfach die Schlüssel aus der Tasche. Fahren kann ich zwar nicht, aber das lernt man sicher schnell, oder, Frau Kollwitz? Vor allem sind die Straßen dann ja frei, und wenn man mal irgendwo gegendotzt oder wo drüberfährt, ist auch nicht schlimm. Sind ja eh alle schon tot. Oder ich nehme erstmal mein Mofa, bis ich Auto fahren kann, auch eine Idee. Auf jeden Fall würde ich dann anfangen, mit den Werkzeugen überall die Haustüren aufzubrechen und mir alles angucken. Zum Beispiel, was die Leute so in ihren Schränken haben. Oder in ihren Schreibtischen. Ich würde mir ihre Familienalben anschauen, ihre Mix-Kassetten hören, ihre Comics lesen, ihre 64er-Spiele spielen, die Sparbücher kontrollieren und gucken, was im Kühlschrank für Essen liegt. Dann würde ich mir ihre Klamotten anziehen, wenn sie mir gefallen, in ihren Betten schlafen, ihre Briefe lesen und ihre Dachböden und Keller durchsuchen. Das mache ich dann in der ganzen Stadt, bis ich selbst an irgendwas sterbe. Klar: Ich gehe natürlich auch bald drauf. Die Lebensmittel halten sich ja nicht ewig, und ich kann auch nicht kochen. Aber, boah, ey – davor! Das wär echt geil!«

Stille.

Selçuk realisierte, dass sein Vortrag offenbar ein Ende gefunden hatte. Zumindest blieb sein Mund seit einigen Sekunden geschlossen und sein Puls senkte sich.

Hatte er sich eben wirklich einer post-apokalyptischen Romantik hingegeben? Einen intimen Traum geteilt, von dem er gar nicht wusste, dass er ihn hegte?

Offenbar. Denn noch immer glotzten ihn alle entgeistert an. Jetzt wurde aber immerhin wieder mit ihm gesprochen.

»Ja, also, Selçuk. Das ist natürlich … das ist natürlich eine Möglichkeit. Also, ich will das jetzt auch gar nicht moralisch oder irgendwie … Hm. Nee, okay … noch wer? Kathleen, was … was würdest du machen?«

Text und Foto veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Unsichtbar-Verlags

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