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Pol Pot Polka als kostenloses eBook

Pol Pot Polka

Ein Roman von r.evolver

Kapitel 2: Angriff der Ledernonnen

Wie wird unsere Heldin wohl aus dieser Klemme kommen? Lassen Sie sich von irren Entwicklungen überraschen und wundern Sie sich auch gleich darüber, wie unchristlich sich das fünfte Gebot interpretieren lässt. Übrigens: Wussten Sie schon, dass in manchen U-Bahn-Tunnels keine Züge verkehren? Verpassen Sie trotzdem nicht den Anschluss! Am besten mit „Holidays In The Sun“ von den Sex Pistols. And go!

Attack of the Merciless Leather Nuns. Ihre Tuniken aus schwarzem Leder waren absolut heiß – ihre Bewaffnung jedoch ein glatter Stilbruch. Die Ledernonnen hielten handliche Uzis im Anschlag und wussten ganz genau, wie man mit den Dingern umging. Tactactactac!

Angesichts der neuen Situation war meine Lebensversicherung keinen Pfifferling mehr wert. Ich ließ die Zombie-Geisel los. Für den Typen war das untote Leben wenigstens einen Moment lang wieder in Ordnung, aber für mich ging die Scheiße ohne Unterbrechung weiter. Tactactactac!

Und plötzlich knipste der Allmächtige das Licht an. Im grellen Kegel eines riesigen Flutlicht-Spots erschien die Gegend noch unwirklicher. ANGKOR CHEMICAL PHNOM PENH – der Schriftzug prangte formatfüllend auf der weißgetünchten Wand einer großen Lagerhalle, genau vor meinen Augen. Schlagartig war mir nun klar, wo ich mich befand: in der Hauptstadt Kambodschas – und damit am ungemütlichsten Ort, wo sich eine britische Agentin augenblicklich aufhalten konnte. Verflixt, was hatte ich denn mitten im Feindesland zu schaffen? Doch für eine nähere Auseinandersetzung mit dem „Warum und Wieso“ fehlte mir jetzt die Zeit, da die mysteriösen Sado-Schwestern vom unheiligen Andreaskreuz gerade ihre zweite Attacke ritten. Tactactactac!

Links und rechts von mir zerbarsten Schädeldecken. Knochensplitter, Gehirnmasse und dunkles Blut vermischten sich zu einem apokalyptischen Flutregen. Ausgemergelte Körper fielen regelrecht in sich zusammen, blieben röchelnd liegen, bis ein Querschläger dem Leid im Staub ein Ende bereitete. Herr, du hast Erbarmen und zertrittst all meine Schuld …

Während die Sado-Nonnen konsequent das fünfte Gebot vernachlässigten, fielen meine lumpigen Verbündeten um wie die Fliegen. Panik. Der maskierte Boss mit dem Damned-Shirt riss mich zu Boden. „Sehen Sie den Kanaldeckel?“ krächzte er mir ins Ohr.

Klar sah ich den, also Daumen nach oben … aber leider kam es nicht mehr zum Ausfall, weil mich eine der heiligen Schwestern mit der Panzerfaust ins Visier nahm. Und dann krachte es.

Die Druckwelle schleuderte mich rund um den Erdball. Min¬destens. Benommen rappelte ich mich auf. Einen Lidschlag später knallte mir die aktuelle Lage ins Gesicht: Zwei heilige Todesnonnen waren im Anmarsch, um Agentin Blanchards sündiges Fleisch endgültig auf dem Scheiterhaufen zu reinigen. Da hatten sie sich viel vorgenommen. Vor allem, weil der Teufel in letzter Sekunde einen Trumpf ausspielte. Und zwar in Form einer Lucha-Libre-Maske, die den beiden Ordensschwestern jetzt den Scheitel zog. Mit einer abgebrochenen Holzlatte. Von hinten. Nicht gerade elegant, auch nicht fair, aber wirkungsvoll. Mein Retter half mir auf die Beine. „Das hätten Sie also auch überlebt.“

„Schauen wir, was die Nacht noch bringt. Bei der Gelegenheit: Wer sind Sie überhaupt? Ein Mex-Wrestler aus Guadalajara?“

Die Maske wanderte in die Schräglage. Wahrscheinlich feixte das Gesicht darunter: „Ich heiße Johnny Rotten.“

„Und da tragen Sie ein Damned-Shirt?“

Kommentarlos bückte er sich, um den Kanaldeckel zu öffnen. „Nach Ihnen“, ließ mir die Maske den Vortritt. Dann schluckte uns endlich das rettende Loch.

Die Welt meiner Golf-Zombies präsentierte sich gleich zu Beginn von ihrer düstersten Seite. Wir schlüpften durch einen engen Tunnel, in dem man sich nach ein paar Metern nur mehr gebückt vorwärtsbewegen konnte. Der Maskenmann hatte eine alte LED-Handleuchte dabei. „Passen Sie auf! Wir schützen die Gänge mit Fallgruben. Simpel, aber wirksam – diese Zone hier ist sicher.“

„Äh, wie sicher genau?“

Sein Schweigen ließ für meinen Geschmack etwas zu viel Interpretationsspielraum. Die Bandbreite reichte von „eigentlich nicht so sicher“ bis „in Wahrheit total unsicher“. Alles in allem sehr beruhigend. Im grellen weißen Licht seiner Lampe sprangen wir alle paar Minuten über pechschwarze Fallgruben. Ich wollte gar nicht so genau wissen, was sich am Grund der finsteren Löcher befand.

Unsere gefährliche Reise endete in einer großen Höhle, die aussah, als wäre sie ohne technische Hilfsmittel in den lehmigen Boden gegraben worden. Der Eindruck täuschte. An den feuchten Wänden lehnten die rostigen Teile eines alten Tunnelbohrers. Improvisierte Fackeln aus trockenen Ästen und zerfetzten Lacoste-Hemden warfen unruhiges Licht auf eine zwielichtige Umgebung, die von Hunderten fauligen Gestalten bevölkert war. In dieser Hölle verbesserten die Golfprofis des Satans also ihr Handicap. Kein Ort, den man im Reisekatalog findet.

Mein Retter mit der Maske blieb auf einer kleinen Plattform stehen. „Herzlich willkommen im unterirdischen Phnom Penh!“

„Hübsche kleine Edelsteinmine. Wo sind die sieben Zwerge?“

Sein Lachen bröselte heiser durch die Kanüle: „Das ist ein toter Schacht des U-Bahn-Systems.“

„Und Ihre gezähmten Zombies da sind der Bautrupp, oder wie? Was ist mit denen los, warum sehen die so mitgenommen aus?“

„Das wollen Sie gar nicht so genau wissen.“

„Irrtum.“

„Hören Sie“, krächzte er. „In diesem Land gehen unglaubliche Dinge vor sich. Ich rate Ihnen: Erledigen Sie, was Sie zu erledigen haben, und verschwinden Sie so schnell wie möglich!“

„Gern, Mr. Rotten, aber vorher sollte ich vielleicht wissen, was ich hier … “

„Nicht so eilig“, stoppte er mich. „Sie sind eine Agentin aus der Freien Europäischen Zone.“

„Bin ich das?“

„Sparen Sie sich den Bluff. Ich beobachte Sie seit Tagen – Sie waren in der Wohnung von diesem englischen Agenten … “

„Welcher englische Agent?“

„Immer schön der Reihe nach“, spannte er mich auf die Folter. „Bleiben wir bei heute abend. Sie sind auf dem ANGKOR-Gelände von der Werkssicherheit angegriffen worden.“

„Diesen Nonnen.“

Er nickte. „Dabei haben Sie einen ordentlichen Schlag auf den Kopf bekommen. Das erklärt Ihren Gedächtnisschwund. Und weil Sie …“ die Maske stockte. „Wie heißen Sie eigentlich?“

„Vivienne Westwood.“

„Sehr komisch.“

„Na ja, wenn Sie Johnny Rotten sind.“

„Ha!“ schnarrte es aus der Kanüle. „Sie sollten mir vertrauen – hier ist sonst keiner, der Ihnen helfen kann.“

„Sie tragen ja auch eine Maske.“

Ein paar Sekunden ging nur sein leiser Atem. „Lassen wir das und versuchen wir lieber, etwas über Ihre … dringenden Ge¬schäfte herauszufinden“, sagte er und deutete auf den verdreckten Schirm eines Röhrenfernsehers. Das Gerät war mit ei¬nem JVC-Recorder aus dem Präkambrium verbunden. Mr. Rotten donnerte mit der flachen Hand auf die Abdeckung des Players. Im selben Moment flackerte es auf dem Bildschirm, dann startete eine Animation aus durcheinanderwirbelnden 3D-Objekten. Die geometrischen Formen verbanden sich zu einem Hakenkreuz. Aus dem Mono-Lautsprecher knallte mir eine hysterische Mischung aus Asia-Rap und einer Wagner-Oper in die Ohren – und dann ging’s los. Ein SS-Bataillon in Tommy-Hilfiger-Uniformen tanzte im archaischen Rhythmus eines Street-Parade-Soundmobils an der Kamera vorbei. Die Maske deutete auf den Schirm. „Das war letzten Mai anlässlich der Eröffnung der neuen Torture City.“

„Ein Schlagerfestival?“

Er lachte. Vor der Kamera tauchte jetzt ein weitläufiges, helles Gebäude auf. Moderne Shopping-Center-Architektur im Pseudo-Bauhaus-Stil. Viel Glas, garniert mit Rolltreppen und flotten Sprüchen: Fun macht frei!

Die professionell-glockenhelle Stimme einer TV-Sprecherin begleitete die Zuschauer ins Innere des Komplexes, der sich jetzt unerwarteterweise als eine Art Fetischklinik präsentierte. Mit dem kleinen Unterschied, dass man hier garantiert nur im Leichensack wieder herauskam. An jeder Ecke blinkten Leuchtschriften: „Chainsaw off limits – eine Stunde Folter pur jetzt um nur 99 Khmer-Dollar!“ Happy Hour war angesagt. Und ein Szenenwechsel. In kleinen, weißgefliesten Räumen demontierten vergnügte Hobby-Sados ausgemergelte Körper mit Motorsägen. Auf den ersten Blick sah es so aus, als wären die Gestalten auf den Folterstühlen mausetot, aber der Eindruck täuschte. Nach jedem Eindringen der Kettenglieder ins Fleisch bäumten sich die Leiber mit vorletzter Kraft auf, bis sie von den Halteriemen in ihre Ausgangsposition zurückgezwungen wurden. Die Schreie der Opfer drangen bis in die letzte Gehirnwindung. Und nicht nur dorthin: Ein DJ sampelte das Gebrüll der Gepeinigten und remixte synchron zum Folterspaß fetzige Scream-Sounds, die in den Cafés von Torture City für Stimmung sorgten.

„Eine effiziente Methode, Leute loszuwerden, die nicht zur werberelevanten Zielgruppe gehören“, kommentierte die Maske lakonisch die Szene.

„Und sicher ein Riesenspaß für die ganze Familie …“

Das nächste Bild zeigte die Tribüne einer Discothek, wo sich an einer improvisierten Bar das Who’s who des Nazi-Jetsets versammelt hatte. Die gestylte Faschobande der nationalsozialistischen Konföderation beobachtete auf Split Screens jedes blutige Detail des Geschehens. Für die erotische Komponente sorgte ein Go-go-Girl im roten Latexbikini. Lasziv wetzte die Puppe ihren Schritt an der Stange. Dabei leckte sie sich ständig über die Lippen, als klebten dort noch immer die hartnäckigen Glutamat-Reste vom letzten Besuch bei Burger King.

Schnitt. In der Nahaufnahme war jetzt ein Typ mit Kurzhaarschnitt und Armani-Anzug zu sehen, der ziemlich unbeteiligt am Geschehen wirkte. Mit monotoner Gelassenheit bearbeitete sein Kiefer einen Kaugummi. Die Maske schaltete den Recorder in den Standbildmodus.

„Und, erkennen Sie ihn?“

„Irgendwie kommt er mir bekannt vor, aber …“

„Das ist Norodom Corman, Präsident der ANGKOR CHEMICAL Incorporated.“

„Das Folterangebot beeindruckt ihn nicht besonders.“

„Ungewöhnlich, oder?“

„Vielleicht ist er härteren Stoff gewöhnt?“

„Mag sein. Jedenfalls muss Ihr Auftrag mit ihm zu tun haben.“

Das Bild auf dem Fernseher erlosch. „Warum sind Sie da so sicher?“

„Weil sich Ihr englischer Kollege nach einer Werksführung Zutritt zu seinem Büro verschafft hat. Das macht der doch nicht zum Spaß, oder?“

„Welcher englische Kollege, verdammt?!“

Wieviel Interessantes hätte Mr. Rotten auf diese Frage antworten können, aber leider hatte die Vorsehung wieder einmal einen originellen Regieeinfall. Alles um uns begann plötzlich gefährlich zu zittern. Ein ohrenbetäubendes Donnern später krachte die Decke der Höhle über unseren Köpfen zusammen. Staub, Gesteinsbrocken und Erdklumpen begruben schreiende Golf-Zombies unter sich. Als wären die letzten Stunden nicht auch so schon anstrengend genug gewesen.

Mit einem Hechtsprung erreichte ich einen der engen Fluchtstollen. Hau ab und schau nicht zurück, meinte die kleine Kay im Hinterstübchen; die große riskierte trotzdem einen Blick. Ein ausgezacktes Loch klaffte in der Höhlendecke. Durch die Öffnung drang das Licht eines jungen Morgens in das unterirdische System. Götterdämmerung in Phnom Penh. Draußen kreiste ein Black Hawk. An seiner Außenhaut prangte der Schriftzug ANGKOR CHEMICAL.

Mittlerweile war mir eines klar: Diese Stadt war die Hölle. Und inmitten des Irrsinns stand Agentin Kay Blanchard, deren einzige Überlebenschance darin bestand, sich durch einen fallengespickten Gang zu arbeiten. Gebückt natürlich und in absoluter Dunkelheit, sonst wär’s ja zu einfach …

Es war wie im Darkroom des Todes. Nur dass man hier keine feuchten Hände und notgeilen Pimmel am Schenkel und anderswo spürte, sondern scharfe Kanten und irgendwelche Viecher, die im Dunkeln die Fußgelenke streiften. Langsam tastete ich mich vorwärts und hielt nach jedem Schritt den Atem an. Als ob das was genützt hätte. Plötzlich neigte sich der Boden. Meine Füße rutschten weg, und schon rodelte ich neuen Heimsuchungen entgegen. Das Schicksal war wenigstens so zuvorkommend, mir einen Felsvorsprung zu gewähren, an dem ich mich kurz vor dem endgültigen Absturz festkrallen konnte.

Neue Lage: Ich hing über einem schwarzen Loch. Keinem kosmischen, sondern einem irdischen – und es war auch nicht tief. Das war gut. Meine Stiefelsohlen berührten etwas Dünnes. Das war wahrscheinlich schlecht. Als ich versuchte, auf dem Widerstand Halt zu finden, bohrte sich sofort eine gefährliche Spitze durch meine Stiefelsohle. Wirklich toll, diese Fallen! Instinktiv ließ ich eine Hand los und fischte blitzschnell mein Stilett aus dem Stiefelschaft. Mit letzter Kraft rammte ich den Schutzengel in die lehmige Wand der Grube. Mein improvisierter Fußraster hielt. Englischer Qualitätsstahl eben. Es lohnte sich wirklich, für dieses Empire zu kämpfen.

Ich schaffte es unversehrt bis ans Ende des Fluchttunnels. Was auf der anderen Seite des Kanaldeckels ans Licht der Welt kletterte, sah aus wie ein Poltergeist in zerrissenen Designer-Sachen. Eine charmantere Erklärung ließ mein Spiegelbild im Schaufenster der Chanel-Boutique nicht zu. Überrascht stellte ich fest, dass sich eine Haarsträhne verabschiedet hatte. Wo mir einst eine widerspenstige rote Locke keck ins Gesicht gefallen war, stand jetzt nur noch ein armseliges Büschel in die Höhe. Angesichts meiner seltsamen Erscheinung schüttelten einige Leute den Kopf, andere flüsterten einander was in die Ohren. Wahrscheinlich rätselten sie, wo die anderen Teilnehmer des Flashmobs steckten …

Text und Foto veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des evolver-Verlags

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