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Sardische Nächte als kostenloses eBook

Sardische Nächte

Ein Krimi von Marc Berger

Jasmin drückte ihm einige Blätter in die Hand. Das Exposé zum Objekt. Nick überflog die Daten: 32 Zimmer, 8 Bäder, Tennisplatz, Swimmingpool, Bootsanleger und und und. Der Preis war mit »auf Anfrage« angegebenen.

Er folgte Jasmin ins Haus. Sie öffnete mit einem Schlüssel. Die Tür schien nicht mit einer Alarmanlage gesichert zu sein. Auch im Inneren der Villa kam Nick nicht aus dem Staunen heraus. Die Wände astrein verputzt und teilweise in einem dezenten, erdigen Orange gehalten. Nick dachte an seine Bruchbude daheim und musste instinktiv lachen. Als er merkte, dass Jasmin Sauer ihn fragend ansah, sagte Nick: »Das Leben ist voller gemeiner, bitterer Ironie.«

Nick schüttelte den Kopf, während er sich in die gut ausgeführten Handwerksarbeiten vertiefte. Jasmin Sauer wollte zu einer Antwort ansetzen, kam aber nicht dazu, sie auszusprechen. Mit einem freundlichen: »Ah, Signora Gracia.«, wandte sie sich Richtung Eingangstür, in der jemand erschienen sein musste.

Nick drehte sich um. Im Türrahmen stand eine große, dunkelhaarige Frau. Nur wenige Jahre jünger als er. Die kastanienbraune Haut war umhüllt von etwas, das kaum als Kleid bezeichnet werden konnte. Das grelle Sonnenlicht ließ den Stoff des Kleides beinahe durchsichtig erscheinen. Nick musste schlucken. Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an.

»Unsere Klientin.«, zischelte ihm Jasmin zu. »Sag artig: Buon giorno.« Hatte ihn der Anblick des Hauses bereits tief beeindruckt, so verschlug es ihm im Angesicht ihrer Klientin, dieser Sardischen Schönheit, schlicht die Sprache. Nick räusperte sich, murmelte etwas, wie »Guten Tag!« vor sich her und streckte der Frau die Hand entgegen. »Gracia.«, stellte die Frau sich vor. »Nick Hanther.«, bemühte sich Nick, immer noch mit staubtrockener Kehle hervorzubringen. »Gracia und weiter?«

»Nur Gracia, bitte.«, entgegnete die Angesprochene. »Unsere Kunden bevorzugen Diskretion, Herr Hanther.«, wurde er von Jasmin mit gespielt freundlicher Mine aufgeklärt. Nick bedeutete mit einem Kopfnicken, dass er verstanden hatte und trat einen Schritt beiseite. »Wollen wir?«, fragte Jasmin. »Si.«, antwortete Gracia einfach. Dieses einfache »Si« von diesen unglaublichen Lippen raubte Nick den Verstand. Zu lange hatte er in der Einöde seiner Schnapsbrennerei gehockt.

Diese Göttin von einer Frau brachte seine Hormone zum Brodeln. Nick griff zum einzigen ihm möglichen Mittel. Er legte die professionelle Mine eines diskreten Sicherheitsberaters auf.

Über eine Stunde führte Jasmin Gracia durch die Villa, und sie hatten noch lange nicht alles gesehen. Jasmin öffnete in der zweiten Etage ein Fenster. Die dahinter liegenden Blendläden gaben den Betrachtern einen unschlagbaren Ausblick auf das Tyrrhenische Meer. Die Sonne ließ die Meeresoberfläche mit tausend Sternen glitzern. Jasmin schwieg, um die Aussicht einige Augenblicke wirken zu lassen. Dann fragte sie: »Und, was meinen Sie, Gracia?« »Nice, very nice.«, entgegnete die im kosmopolitischen Englisch. Sie zeigte mit dem Finger auf den Raum. »Das Schlafzimmer.«, klärte Jasmin auf. »Einrichten müssten Sie natürlich noch selber. Aber ich bin mir sicher, da fällt Ihnen was ein. Wir können Ihnen auch einen Inneneinrichter mit erstklassigem Ruf empfehlen, falls Sie das möchten.«

Gracia ging auf Jasmin gar nicht ein. Stattdessen wandte sie sich an Nick. »Und der Ratschlag des Sicherheitsberaters?«, fragte sie. »Es gibt nicht einmal eine Alarmanlage. Also normalerweise werden solche Anwesen mit einer großen Anlange ausgestattet. Visuelle und Audioüberwachung gesteuert über einen Raum. Aber das hängt natürlich davon ab…«

Nick brach abrupt ab. Er wollte »was Sie hier machen« sagen, war sich aber bewusst, dass das wohl nicht die richtige Verkaufssprache war. Gleichzeitig irritierte ihn etwas auf dem Fußboden. Urplötzlich vergaß Nick alles um sich herum. »Das hängt natürlich davon ab, wie hoch ihr Sicherheitsbedürfnis ist.«, eilte Jasmin Nick zu Hilfe und blickte demselben mit unverständlicher Neugierde hinterher. Was macht er jetzt?, schien ihr Blick zu fragen.

In einer Ecke des Raumes ließ sich Nick erst auf die Knie nieder, wenig später krabbelte er auf allen Vieren an der Wand entlang und schien den Boden nach etwas abzusuchen. Gracia beobachtete Nick mit unergründlicher Mine. »Nick, Herr Gott, was machst du? Du machst unserer Klientin Angst.« »Nein, nein.«, antwortete Nick. »Also Nick, das geht jetzt wirklich zu weit, du kannst nicht noch für unsere Klientin Gracia sprechen.« »Das mein’ ich nicht. Der Raum ist anders. Kleiner als der untere und der obere. Hier stimmt was nicht. Ich hab’s gleich.«

Jasmin wollte Nick gerade heftig zurecht weisen, da sagte Gracia: »Lassen Sie ihn suchen.« Im gleichen Moment kam ein Geräusch aus Nicks Richtung, ein hölzernes Knartschen, und in der Wand öffnete sich ein schwarzes Loch. »Nick, was hast du gemacht?« »Er hat es entdeckt.«, sagte Gracia mit merklicher Anspannung in der Stimme. Nick wunderte sich über die Formulierung, schob es aber dann auf den Umstand, dass Deutsch nicht Gracias Muttersprache war. Schon war ihre Klientin im Geheimzimmer verschwunden. Nick trat hinter ihr ins Dunkel des Raumes. Seine Augen benötigten einige Augenblicke, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Blind ging er einige Schritte in den Raum, stieß schmerzhaft gegen einen metallischen Gegenstand und fluchte.

»Signora Gracia?«, fragte Nick. Die Angesprochene antwortete nicht. Langsam wurden die Umrisse deutlicher. Nick war gegen eine eigenwillige Metallkonstruktion gestoßen. Der Fachmann in Nick wusste, oder besser gesagt, ahnte sofort, womit er es zu tun hatte. Jetzt erkannte er auch andere Gegenstände sowie das Mobiliar des geheimen Zimmers: Ketten, Seile, Schellen, Klammern, Dildos. Die breite Palette eines SM- und Bondage-Ateliers breitete sich vor ihm aus. Eine Luststätte. Ein Folterkeller. Ein ganz intimes Domizil für die geheimsten Wünsche.

Text und Foto veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Augenschein-Verlags

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