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Sechs Richtige mit Zusatztod als kostenloses eBook

Sechs Richtige mit Zusatztod

Ein Spionage-Thriller von Octavius Zelma

Das ist der bisher gefährlichste Kampfeinsatz für DDR-Kundschafter Detlev Varentholt: In Westdeutschland soll er den Intimfeind der gerontokratischen DDR-Führung ausschalten, den Bayerischen Ministerpräsidenten und bekennenden Kommunistenfresser Franz Josef Strauß.

Scheinbar kein Problem für Varentholt, der schon einige bleihaltige Tschekisten-Einsätze hinter sich hat. Mittlerweile bewegt sich Ost-Agent Varentholt in der dekadenten Wohlstandsgesellschaft der Bundesrepublik wie ein Fisch im Wasser. Er hat seine schweißtreibenden Dederon-Hemden aus volkseigener Fertigung ausgetauscht gegen feinen Seidensticker-Zwirn aus Bielefeld.

Um sich und seinem Scharfschützengewehr SSG 82 die Wartezeit auf den todgeweihten Strauß zu verkürzen, tafelt Varentholt in verschwiegenen Hotels im Rheintal, flaniert durch westdeutsche Fußgängerzonen und füllt sogar einen dieser blassgelben West-Lottoscheine aus. Er gibt ihn unter seinem Decknamen in einer Bonner Lottoannahmestelle ab.

Womit der Kampfkommunist nicht gerechnet hat: Sein Lottotipp knackt den Jackpot. Was nun? Anschlag oder Millionen?

Varentholts Versuche, eine Lösung für das Problem zu finden, stürzen mächtige Geheimdienstchefs, eine verführerische Unbekannte und Varentholt selbst in ein atemberaubendes Chaos. Das hat überraschende Folgen für Varentholts Leben und Denken - und für den Fortgang der deutschen Geschichte.

Erzählt nach einem wahren Fall aus den Geheimarchiven des Zentrums für Nachrichtenwesen, dessen Dienstsitz in Gelsdorf bei Bonn war.

1. Kapitel: Der Gewinn

Samstag | 24.09.1988 | 19 Uhr

“Herr Varentholt …”

Detlev Varentholt war in Gedanken. Er brauchte einen Moment, um auf seinen Decknamen zu reagieren. Erst seit heute Morgen war er wieder im Westen. Er musste sich gewöhnen.

“Äh ja”, sagte Detlev Varentholt.

“Herr Varentholt, darf ich Ihnen die Golfschlägertasche abnehmen?”

“Das ist nett. Danke. Aber nicht nötig.”

Empfangschef Harden, ein Mann mit vollendeten Umgangsformen und halber Glatze, kam bereits um den Empfangstresen herum.

Detlevs Varentholts Golfschlägertasche enthielt keinen Golfschläger. Sie verbarg ein Scharfschützengewehr SSG 82.

Detlev Varentholt kam auch nicht vom Golfplatz des GC Bonn-Godesberg in Wachtberg e.V., sondern vom Flughafen Köln-Wahn. Im Militärbereich des Flugplatzes sollte Detlev Varentholt nächsten Samstag Franz Josef Strauß erschießen. Franz Josef Strauß war der Bayerische Ministerpräsident, einige Jahre zuvor hatte er das Amt des Verteidigungsministers der Bundesrepublik Deutschland bekleidet.

Detlev Varentholt war dabei, den Einsatzort zu erkunden — seine übliche Vorgehensweise. Gewissenhafte Arbeit im Vorfeld minimierte die Gefahr von bösen Überraschungen im entscheidenden Moment. Strauß sollte nächste Woche um diese Zeit in Köln-Wahn landen. Vor zwei Stunden hatte Varentholt herausgefunden, dass der Hangar für die Privatmaschine von Strauß woanders lag, als es eingezeichnet war auf dem Kölner Stadplan, den ihm die Normannenstraße für den Einsatz ausgehändigt hatte. Er hatte sich den Plan eingeprägt und gemäß der von Mielke persönlich verfassten Operationsdirektive in Ostberlin gelassen. Aber offensichtlich war der Plan alt gewesen. Der entwickelte Kapitalismus veränderte Westdeutschland schneller, als die Ministerialsozialisten in Ostberlin es sich vorstellen konnten.

Varentholt beschleunigte seine Schritte zur Hoteltreppe. Empfangschef Harden ließ sich nicht abschütteln, und Varentholt wollte kein Rennen mit ihm durch die Lobby des Bülower Hofes veranstalten. Also blieb er stehen. Die Trageschlaufen der Golftasche, die das SSG 82 verbarg, hielt er mit beiden Händen fest. Empfangschef Harden gelänge es nicht, sie ihm zu entreißen …

Harden aber sagte lediglich: “Ihr Zimmerschlüssel, Herr Varentholt.”

“Ohh … danke.”

Detlev Varentholt stieg hinauf in den dritten Stock. Er brauchte nicht auf den Schlüssel zu gucken, sein Zahlengedächtnis war perfekt. Zimmer 307, dem Rhein abgewandte Seite. Das war billiger. Die Normannenstraße war knickrig geworden bei Westmarkspesen. Westmark waren im Osten knapp und zur heißbegehrten Parallelwährung geworden. Mit Westmark kam man im Arbeiter- und Bauernstaat an Bückware. Mit ihr beschleunigte man Handwerker- und Arzttermine, konnte in Intershops Westware einkaufen.

Warum wollte die Normannenstraße Strauß aus dem Spiel nehmen? Immerhin hatte Strauß als Bayerischer Ministerpräsident der DDR zuletzt einen sagenumwoben großzügigen Kredit vermittelt. Dank der Fürsprache von Strauß bei Bundeskanzler Kohl pumpte Westdeutschland Milliarden Westmark in die klamme Planwirtschaft der DDR.

Wenn es nach Detlev Varentholt ginge, würde Strauß dafür der Vaterländische Verdienstorden an die Brust geheftet werden von Erich Honecker, dem Staatsratsvorsitzenden der DDR. Stattdessen sollte Detlev Varentholt dem übergewichtigen Bayern eine 39-Millimeterpatrone mit Weichbleikern ins Herz schießen.

Varentholt würde es tun. Es sollte sein letzter Auftrag sein. Danach könnte er - noch in diesem Wintersemester - anfangen, in Leipzig zu studieren. Er musste endlich den Absprung finden und würde bereits knapp zehn Jahre älter sein, als die Erstsemesterstudenten, die direkt von der EOS (Erweiterte Oberschule) zum Studieren kamen. Der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, hatte es Detlev Varentholt persönlich versprochen: Das Ministerium stellte ihm eine Ein-Raum-Wohnung sogar in Uni-Nähe und käme für alle Kosten auf.

Das war in einem sozialistischen Land keine schlechte Karriere für den Sohn eines Erzkapitalisten. 1965 war Varentholts Vater von den Sozialisten enteignet worden. Der Vater konnte den Verlust seiner Uhrenmanufaktur nicht verwinden. Bald bezeichneten ihn Parteifunktionäre als Querulanten. Familie Varentholt wurde aus Glashütte umgesiedelt an die Ostsee. Immer noch gab der Vater keine Ruhe. Er begann zu trinken und seine Frau zu schlagen. Er saß in Bautzen ein. Es fehlte nicht viel, und sein Sohn Detlev Varentholt hätte kein Abitur machen dürfen. Der Vater eines Schulfreunds, ein Stasi-Offizier, rettete die verfahrene Situation für Varentholt. Das Abitur war gerettet, die Verbindung zur Staatssicherheit geknüpft.

Detlev Varentholt schloss die Hotelzimmertür von innen und drehte den Schlüssel zweimal. Mit einem Blick überprüfte er den Raum: Bett, Schrank, kleiner Schreibtisch, Fernseher. Sein Koffer unterm Bett schien unberührt. Varentholt hob ihn auf die Matratze und öffnete den Deckel. Unter zwei Taschenbüchern und schmutziger Wäsche lag ein kleines Holzbrett, das er herausnahm.

Er zog das SSG 82 aus der Schlägertasche und zerlegte die Waffe in drei Teile. Hinter dem Fernseher lehnten zwei Golfschläger. Er steckte die Schläger in die Golfschlägertasche.

Dann nahm er das Brett mit ins Bad. Beim Ausziehen der Jacke vorm Waschbecken passierte Varentholt ein Missgeschick. Ein daumengroßes Fläschchen, bestehend aus braunem Glas, rutschte ihm aus der Innentasche der Jacke und fiel auf die Fliesen. Es war Glück, dass es nicht zerbrach. Es enthielt vier Herzpillen.

Die Pillen bestanden aus einer Mischung von gemahlenen Samen der Eibe und der Chemikalie Kaliumchlorid. Die Pillen waren eine Neuentwicklung der Normannenstraße. Wenige Stunden nach ihrer Einnahme verursachten sie Erbrechen und ließen Minuten danach das Herz still stehen. Es wirkte wie ein Herzinfarkt.

Varentholt widerstrebte es, die Pillen einzusetzen. Obwohl sie in Ostberlin den Auslandsagenten jetzt als “moderne Waffe” angedient wurden. Jedoch käme ihre Verwendung Varentholt vor wie ein Foulspiel. Er erinnerte sich daran, was Mielke seinen Kundschaftern in der Ausbildung eingeschärft hatte: Das Gewehr ist die traditionelle Waffe des Tschekisten. Andererseits, überlegte Varentholt, war die Kugel aus einem Scharfschützengewehr weniger heimtückisch als eine Pille?

Der Kundschafter im Kampfeinsatz schlug die Jacke aus und klopfte trockene Grashalme herunter. Er steckte das Pillenfläschchen zurück in die Innentasche und nahm die Junghans aus westdeutscher Produktion vom Handgelenk, mit der er für diesen Einsatz zum ersten Mal ausgestattet worden war, und die draußen in Köln-Wahn einige Kratzer abbekommen hatte, was ein Jammer war — obwohl es sich um keine außerordentlich wertvolle Uhr handelte. Sie war weder zu teuer, noch zu billig, sondern gerade richtig. Entscheidend war, dass sie aus dem Westen stammte und Varentholts Tarnung vervollständigte.

Obwohl Varentholt auf seinen letzten Einsätzen festgestellt hatte, dass die meisten Westdeutschen mittlerweile Armbanduhren japanischer Hersteller bevorzugten. In der Normannenstraße glaubten sie seiner Beobachtung allerdings nicht, sie statteten ihre Kundschafter weiterhin mit Junghans-Uhren aus. Ihm sollte es recht sein. Er mochte westdeutsche Produkte. Bei jedem Einsatz in der Bundesrepublik ein bisschen mehr.

Varentholt wusch sich die Hände, um Reste des Sandes von den Handflächen zu bekommen. Er hatte am Flugplatz Köln-Wahn einen Bereich um den Zaun mit dem Blechschild Militärischer Sicherheitsbereich erkundet. Der Ort mit den nachlässig gestutzten Wildrosensträuchern schien ihm ein geeigneter Schützenplatz zu sein, der einen guten Blick auf den Hangar bot. Vor dem Hangar würde der gelandete Strauß in einen wartenden Mercedes umsteigen, der ihn ins Kanzleramt bringen sollte.

Varentholt klappte den Toilettendeckel herunter, nahm Brett, Gewehrlauf, Schulterblatt und Zielfernrohr des SSG 82 und stieg damit auf den Toilettendeckel. Knapp unter der Badezimmerdecke war der Hochspülkasten angebracht. Er legte das Brett auf den Spülkasten. Es ragte rechts und links nur Millimeter über die Kastenränder. Die zerlegte Waffe platzierte er auf dem Brett. Varentholt stieg vom Deckel und kontrollierte das Versteck mit einem Blick von unten.

Zufrieden mit seinem Werk lümmelte er sich aufs Bett und griff zu Datenverarbeitung mit MS-DOS. Er hatte sich das Buch bei der Universitätsbuchhandlung Bouvier für verschwenderische achtzehn Westmark gekauft. Das Rückgeld, eine Zweimark-Münze, hatte er im Überschwang über den dekadenten Buchkauf im Kiosk Weerhahn nebenan für einen Lottotipp ausgegeben. Seitdem hatte Varentholt in seiner freien Zeit in Datenverarbeitung mit MS-DOS geschmökert und war bei Lektion sechs angelangt.

A>B:DISKCOPY B: A: (cr)

Er brauchte solche Befehle nur einmal zu lesen, schon prägten sie sich ihm ein. Schwieriger war es, sich deren Ausführung vorzustellen, da nicht daran zu denken war, sich einen Westcomputer zu beschaffen. In der gesamten DDR gab es zwei amerikanische IBM-Rechner. Einer stand in der Normannenstraße. Der andere im obersten Stockwerk des Robotron-Werks in Dresden.

Varentholt stellte sich vor, wie er direkt neben der Leitung des Kombinats die IBM-Maschine mit Lochkarten eines von ihm entwickelten Programms füttern durfte. Bei IBM in Amerika konnte man mittlerweile MS-DOS sogar direkt mit einer Tastatur eingeben. Manchmal beschlich Varentholt die Angst, die Zukunft zu verpassen.

Die Strauß-Operation musste gelingen, dann konnte er studieren und irgendwann in Dresden auch an solch einer Tastatur sitzen. Er würde seinen Teil dazu beitragen, dass die DDR bei der Computertechnologie Anschluss an die Weltspitze fand.

Varentholt setzte sich auf. Der erste praktische Schritt dahin war, sich um einen aktuellen Stadtplan zu kümmern.

Varentholt legte den gebuchten Lottoschein, den er von Weerhahn mitgenommen hatte, als Lesezeichen ans Ende der Lektion sechs, klappte Datenverarbeitung mit MS-DOS zu und schwang sich aus dem Bett. Am Empfang gäbe es aktuelle Stadtpläne. Danach konnte er für einen Imbiss hinüber ins neu eingerichtete Hotelbistro gehen. Anschließend würde er nach oben zurückkehren und sich in Lektion sieben vertiefen.

Für den Ausflug zur Rezeption brauchte er kein neues Seidensticker-Hemd überziehen.

Die Staatssicherheit stattete ihre Kundschafter mit zwei Oberhemden aus westlicher Produktion aus. Spesen für die Reinigung im Hotel übernahm sie allerdings nicht. Also vermied Varentholt es, seine Hemden an den Hotelservice zu geben, wusch sie stattdessen im Waschbecken und zog Seidensticker nur an, wenn es wirklich notwendig war.

Er schlüpfte in die Jacke, legte die Junghans wieder an. Er prägte sich ein, wo Koffer, Kleidung, Bücher lagen. Er trat in den Hotelflur und schloss die Tür hinter sich, drehte den Schlüssel im Schloss herum.

Die Rezeption war unbesetzt. Varentholt ging hinüber ins spärlich besetzte Bistro. Die Küche des Bistros war besser als die Resopaleinrichtung vermuten ließ.

Schräg über dem Bistro-Tresen war ein Farbfernsehgerät unter die Decke geschraubt worden. Bei abgedrehtem Ton lief die Show Wetten, dass …? mit dem Moderator Thomas Gottschalk.

Unter dem Fernseher besprachen sich der halbglatzige Empfangschef Harden und ein schmalbrüstiger Kellner, der das ölige schwarze Haar zurückgekämmt trug und seine Gegenrede mit ausladenden Gesten unterstrich. Varentholt vermutete, dass der Kellner aus Italien kam. In Westdeutschland stammten die Gastarbeiter aus kapitalistischen südeuropäischen Ländern. Ostberlin setzte auf bildungshungrige Männer aus der Demokratischen Republik Vietnam. Die schlitzäugienen Jungkommunisten gaben sich devoter als die Italiener — glänzend schwarze Haare hatten sie aber auch. Der Empfangschef bemerkte Varentholts Blick und kam herbei.

“Darf ich helfen, Herr Varentholt?”

“Vielleicht. Haben Sie einen Stadtplan von Köln?”

“Aktuelle Stadtpläne von Bonn und Köln!” Harden strahlte, es schien ihn glücklich zu machen, Varentholt helfen zu können. Varentholt dachte an die grauen Portiersgesichter in ostdeutschen Hotels. Harden sagte: “Ich bringen Ihnen einen Plan. Setzen Sie sich solange. Vielleicht möchten Sie speisen? Der Souschef empfiehlt Pfifferlingschnitzel.”

“Das hört sich gut an.” Varentholt nahm an einem Zweiertisch Platz. Hardens Freundlichkeit mochte oberflächlich sein, sie tat Varentholt dennoch wohl.

Eine Dame trat an seinen Tisch. “Entschuldigen Sie.” Sie sprach so leise, dass Varentholt sie kaum verstand.

“Ja?”

“Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen. Ich hörte, wie Sie nach einem Stadtplan fragten. Von Köln, nehme ich an? Dürfte ich ebenfalls einen Blick hinein werfen, wenn der Rezeptionist einen Plan bringt?” Die Fragestellerin war sehr schlank und sehr jung und in einem Ausmaße zurückhaltend, dass ein Mann sich nicht eingeschüchtert fühlte von ihrer ungewöhnlichen Schönheit.

“Sie würden mir damit sogar eine Freude machen”, erwiderte Varentholt. “Bitte, setzen Sie sich.”

Sie wählte den Stuhl ihm gegenüber.

“Haben Sie schon gegessen, Frau …”

“Ich heiße Lydia Schöffer.” Sie streckte Varentholt die Hand herüber. Ihre Finger waren so feingliedrig wie die einer Pianistin.

Varentholt sah Lydia Schöffer einen Augenblick länger als schicklich ins Gesicht. Sie besaß ungewöhnlich große Augen, deren dunkle braune Farbe zusätzlich betont wurde durch den erstaunlich hellen Teint ihrer Haut. Mit einem angedeuteten Kopfnicken nannte der Kundschafter Lydia Schöffer seinen Decknamen:

“Varentholt ist mein Name.”

Er merkte, dass sie ihn ebenso taxierte.

“Vielleicht einen Salat?”, erkundigte er sich, um den unbehaglichen Moment zu überdecken.

“Meinen Sie, ich bin zu dick?”

“Nein, nein … ich … ich war ungeschickt … ein Salat … wie lächerlich.” — Kaum lernte er eine hübsche Frau kennen, vermasselte er es gleich.

Varentholt sah nicht aus wie ein Adonis. So viele Chancen gab ihm das schöne Geschlecht nicht. Die wenigen wollte er nutzen.

Er sagte: “Nehmen Sie einen schönen Broi-” Unvermittelt brach er ab. Fast wäre ihm das verräterische Wort herausgerutscht. Broiler. Da nutzte das schönste Seidensticker-Hemd nichts, da nutzten die Lloyd-Schuhe aus Sulingen nichts. Broiler war Osten. In der BRD hießen die Flattermänner Hähnchen.

“Nehmen Sie ein Hähnchen. Lecker und gesund. Der Küchenchef grillt sie hervorrragend.”

Aber Detlev Varentholt genoss nicht mehr Lydia Schöffers Aufmerksamkeit, sie schaute hinauf zu Thomas Gottschalk.

“Ich fand Elstner besser”, sagte sie.

Varentholt wollte ihre Aufmerksamkeit zurück. “Wer ist —”, plapperte er los und unterbrach sich gleich. Stellte sie ihm eine Falle? Testete sie ihn? Wer war Elstner?

“Gottschalk ist zu flapsig. Ich mag Männer, die seriös sind”, plauderte Lydia Schöffer.

“Ich … ich … ich mag Thoelke”, tastete Varentholt sich vor.

“Der große Preis? — Sie gucken donnerstags? — Passt mir auch meistens besser. Wum und Wendelin sind sooo knuffig.”

Detlev Varentholt war froh, dass der ölige Italo-Kellner kam, um die Bestellung entgegenzunehmen. Das Thema Westfernsehen war gefährlich, Varentholt kannte sich zu wenig aus.

Lydias Grillhähnchen war außen knusprig, innen saftig, und auch sein Pfifferlingschnitzel war perfekt zubereitet. Um Klassen besser als alles, was in der DDR als Schnitzel serviert wurde. Der Kapitalismus hatte Vorzüge. Detlev Varentholt wäre der Letzte, der es bestreiten würde. Dennoch würde er Sozialist bleiben. Der Empfangschef, der Kellner, wohl auch die süße Lydia Schöffer: Ihnen allen gehörte mit Sicherheit kaum etwas an den Produktionsmitteln in diesem Staat. Das war das Perfide am entwickelten Kapitalismus: Dass die Kapitalisten sich unsichtbar gemacht hatten. Der Hotelbesitzer blieb im Verborgenen. Das Personal würde nicht mal wissen, wie der Besitzer hieß. Nur im Klassenkampf konnte dieses System überwunden werden, und für diesen Kampf war Varentholt hier.

Lydia piekste mit der Gabel in die letzte Pommes frites neben den Hähnchenknochen und sagte: “Das Wort zum Sonntag haben wir geschafft.”

Das Programm im Fernseher über ihnen war inzwischen vom ZDF auf ARD umgeschaltet worden. Ein Pastor sprach mit ernster Miene in die Kamera.

Opium fürs Volk nannte Lenin die Religion. Aber Lenins Meinung teilte Varentholt seiner Tischnachbarin nicht mit.

Lydia Schöffer legte das Besteck beiseite und zog einen Lottoschein aus der Handtasche. “Nur weil die Tietze danach mit den Lottozahlen kommt, halte ich den Paster durch”, plapperte sie und las die von der Lottofee mit der blonden Löwenmähne gerade gezogenen Zahlen vom Bildschirm ab, um sie auf ihrem Schein unten in die dafür vorgesehenen Kästchen einzutragen.

Varentholt sah Lydia staunend zu: “Sie spielen Lotto?” Das passte nicht zu der jungen Frau, fand er.

Lydia knüllte den Lottoschein und ließ das blassgelbe Papierbällchen in den Aschenbecher mit dem Jägermeister-Aufdruck fallen: “Bei sechs Richtigen wäre ich mit einem Schlag raus aus allem. Das gesamte Leben würde sich ändern. Die Vorstellung allein … fantastisch, oder?”

“Weiß nicht …”

“Die Spannung bis zur Ziehung, dieses Gefühl, dass die eigene Zukunft in der Schwebe ist … Dafür ab und zu zwei Mark freitags investieren für vier Reihen … Ich finde, das ist es wert. Spielen Sie nicht, Herr Varentholt? Glauben Sie nicht, dass wir eine Chance auf eine bessere Welt haben sollten, oder zumindest die Hoffnung darauf?”

Er schaute hoch zum Farbfernseher über dem Tresen. Die eben ausgespielten weißen Kugeln mit den schwarz aufgedruckten Lottozahlen wurden ein zweites Mal formatfüllend auf der Mattscheibe gezeigt. Jetzt erst sah er die Zahlen.

“Das sind die Gewinnzahlen?”, fragte er, und Lydia nickte und schob sich das letzte Kartoffelstäbchen in den Mund und schluckte es herunter.

Varentholt schluckte auch. Der Hals war trocken, die Erinnerung an die angekreuzten Zahlen glasklar.

Das wäre unglaublich …

“Ich … ich …” Er vergaß, auf welche Frage, die Lydia gestellt hatte, er antworten wollte.

Er hatte sechs Richtige mit Zusatzzahl.

Konnte das sein?

Aber Zweifeln wäre nicht vernünftig. Sein Gedächtnis funktionierte perfekt. Er kannte seine Zahlen.

Und trotzdem … Der Lottoschein steckte als Lesezeichen am Ende der sechsten Lektion von Datenverarbeitung mit MS-DOS. Das Buch lag oben auf dem Bett seines Zimmers 307.

Es kam Varentholt vor wie ein Traum. Karin Tietze-Ludwig nannte die Zahlen erneut. Varentholt schloss die Augen. Er hörte, und es blieben die Zahlen, die er angekreuzt hatte, und ihm wurde klar, dass er gewonnen hatte.

Detlev Varentholt, der DDR-Kundschafter im Kampfeinsatz beim Klassenfeind, war zum Westmark-Millionär geworden.

Text und Foto veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des FS-Verlags Edition Störtebeker.

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