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Sechs Richtige mit Zusatztod als kostenloses eBook

Sechs Richtige mit Zusatztod

Ein Spionage-Thriller von Octavius Zelma

2. Kapitel: Der Krebs und die Kröten

Montag | 26.09.1988 | 10 Uhr

Mark Zarnack las gern Spionageromane. Er stellte sich vor, die zwei Briefkästen vor dem immer verschlossenen Eigentümerbüro neben der Toilette wären tote Briefkästen. Leider liefen an der Tür des Eigentümerbüros nie verdächtige Gestalten vorbei, nur Gäste des Hotels, die auf dem Weg zur Toilette waren.

Aber das machte die Briefkästen eigentlich noch geheimnisvoller, sagte sich Zarnack und empfand einen wohligen Schauer.

Andere mochten glauben, er führe ein langweiliges Leben. Mochten herabblicken auf seine Tätigkeit als Toilettenmann. Aber die Arbeit war wichtig, und Zarnack war stolz darauf, im Erdgeschoss des Bülower Hofes für blitzsaubere Brillen zu sorgen, für Blumenwiesenduft und Handtücher, deren Stoff an den Handflächen schabte, so frisch kamen die Tücher aus der Reinigung. Zarnack war überzeugt, dass die Gäste seine hygienetechnischen Dienstleistungen schätzten.

Bis zur Rente waren es nur noch wenige Jahre, und in dieser Zeit würde Zarnack dem Bülower Hof weiterhin seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit, seine Arbeitskraft und sein Pflichtbewusstsein zur Verfügung stellen. Das drohende Rentnerleben war für Zarnack wie ein weites, unentdecktes Land. Was finge er mit der freien Zeit an? So viele Spionageromane gab es gar nicht, die er dann lesen könnte. Eifrig putzte er Toilettenbrillen, wischte den Fliesenboden feucht, stopfte benutzte Handtücher in den Wäschesack für die Reinigung: Nicht über das Rentnerdasein nachdenken, Zarnack wollte arbeiten.

Heute Morgen war Harden zu Zarnack gekommen und hatte ihm einen Brief übergeben. Zarnack war gerade dabei gewesen, mit dem italienischen Kellner zu frühstücken. Eigentlich hatte Zarnack seit Wochen keinen richtigen Hunger mehr, er aß die Brötchenhälfte mit Mettwurst und gehackten Zwiebelringen aus Höflichkeit. Er mochte den jungen Kellner mit dem öligen Haar und versuchte ihm, wenn Leerlauf im Hotelbetrieb war, neue Brocken Deutsch beizubringen. Zarnack hatte den Brief aus Hardens Hand genommen und ihn zunächst unter den kleinen Steingutteller im Vorraum der Toilette geschoben. Auf den Steingutteller legten zufriedene Gäste Markstücke als Trinkgeld für Zarnack. Er wollte sich auf seine Arbeit konzentrieren: den Morgenansturm der Gäste. Vor allem Geschäftsleute erleichterten sich nach dem Frühstück; Touristen logierten jetzt seltener im Bülower Hof, die Saison der Wanderer und Sommerfrischler lief aus.

Indem er das Öffnen des Briefs aufschob, steigerte er die Vorfreude, denn nur selten bekam er Post. Er wollte das Ereignis auskosten. Seit sein eigener kleiner Beherbergungsbetrieb wegen der modernen, mit komfortableren Zimmern aufwartenden Konkurrenz die Türen für immer hatte schließen müssen, wohnte Zarnack in wechselnden Pensionen und ließ sich seine Post ins Hotel schicken. Seine durchweg älteren Wirtinnnen wären zu leicht verschreckt gewesen von der Gläubigerpost, die er in den ersten Jahren noch bekommen hatte. Das hatte zum Glück aufgehört. Der letzte Brief, der ihn erreicht hatte, war die Scheidungsurkunde von seiner Frau Moni gewesen. Mit den schlechten Nachrichten war er nun durch.

Nun war Zeit für den Brief von Harden.

Nein, noch nicht ganz; Zarnack dehnte die Vorfreude. Oder waren es Bedenken? Angst gar, die ihn das Öffnen des Briefs hinausschieben ließ? Aber was konnte in einem Brief Schlimmeres stehen, als er es schon erlebt hatte? Zarnack ging von den Toiletten durch den schmalen Gang mit dem unbenutzten Doppelbriefkasten zurück in die Empfangshalle, begab sich in die Ecke, die von der Rezeption aus nicht einsehbar war, schaute aus dem Fenster. Er stellte sich vor, auf den Rhein blicken zu können - der tatsächlich nur von den rückwärtigen Fenstern im oberen Stockwerk des Bülower Hofes auszumachen war. Zarnack ließ die Gedanken schweifen, malte sich aus, wie die Schuten flußabwärts tuckerten, erinnerte sich an den rheinaufwärts abgefackelten Kahn, der vor drei Jahren für Aufregung gesorgt hatte. Bestimmt steckte eine Spionagegeschichte dahinter … Zarnack lächelte über sich selbst: Er war wieder dabei, in eine Agententraumwelt zu flüchten. Also kehrte er zurück an seinen Arbeitsplatz und zog entschlossen den Umschlag unter dem Teller hervor.

Er hielt ihn in der Hand und zögerte erneut. — Kein weiteres Aufschieben mehr: Die Toilettenräume waren so sauber, dass die Schuhsohlen quietschten, wenn man über die Fliesen lief. Es war elf Uhr, die ruhigste Zeit. Bis zum Mittag kamen selten Gäste. Sie waren in der Stadt, in Geschäften, bei der Lobbyarbeit in Ministerien. — Behutsam öffnete Zarnack den Umschlag.

Betriebsbedingte Kündigung zum Ende des Jahres.

Mit sofortiger Wirkung freigestellt.

Zarnack las noch einmal. Er kniff die Augen zusammen. Öffnete sie wieder und überflog erneut die Zeilen. Der Brieftext blieb derselbe. Der Toilettenraum fing an, sich um Mark Zarnack zu drehen. Zarnack hielt sich am Waschbecken fest.

Er wankte hinüber in eine der Kabinen. Die volle Toilettenpapierrolle war im Halter, die Brille glänzte, es roch nach Blumenwiese. Zarnack beugte sich vornüber und stützte sich mit beiden Händen auf den Toilettenkasten, der glänzte als wäre er mit Autolackpolitur behandelt. Zarnack schaute in den makellosen Tiefspüler aus glasierter Weißkeramik. Dann kotzte er hinein.

Nachdem Zarnack sich einigermaßen wiederhergerichtet hatte, erklärte er mit belegter Stimme gegenüber Harden, der an der Rezeption wartete und ein trauriges Gesicht zeigte: “Kündigung -“, Zarnack räusperte sich, um weitersprechen zu können, “ich bin entlassen.”

“Ich weiß -“

“Woher weißt du -“

“Ich habe noch zwei davon verteilen müssen —”

“Nicht unserem Italo-Kellner?”, hoffte Zarnack.

“Nein, nein, zwei Zimmermädchen. Sie weinten …” Harden sprach leise und weich. Sein Blick huschte durch die Empfangshalle. Niemand von den Gästen sollte lauschen. “Kommt von ganz oben. Schlag nicht den Boten”, bat Harden.

Zarnack war außerstande, etwas zu erwidern.

“Du hast dir heute Nachmittag sowieso frei genommen”, sagte Harden, “warte nicht länger, mach sofort Feierabend. Geh ins Kino oder betrink dich. Mach irgendwas, nur nicht grübeln. — Es tut mir wirklich leid.”

Zarnack fühlte sich leer. Er ging durch die Fußgängerzone und bemerkte kaum, was um ihn herum vorging. Sollte er sich vor ein Auto werfen und sein kleines Leben - ja es war klein! - damit beenden? Aber so zöge er einen Unbeteiligten in sein Unglück hinein, das wäre unrecht. Er überlegte, sich stattdessen auf die Schienen zu legen. Der Lokführer bekäme einen Schock … Außerdem, Zarnacks Fantasie malte sich aus: Eisenbahnräder zerteilten seinen Leib und sein Jackett. Es grauste Zarnack. Er strich über sein weißes, gestärktes Jackett, das er auch in der Fußgängerzone trug.

Vier Stunden später saß Zarnack beim Hausarzt. Nicht etwa, da er ärztlichen oder psychologischen Beistand wegen seiner Entlassung suchte. Vielmehr war ein Test in der vorletzten Woche nicht ganz zufriedenstellend verlaufen, und der feuchtäugige Dr. Avenir Brizyn hatte Zarnack für den heutigen Nachmittag wieder zu sich bestellt.

Aber der Anlass für den Arztbesuch war Zarnack gleichgültig. Wichtig war ihm, mit jemandem sprechen zu können. Denn dann blieb keine Zeit zum Grübeln. Allerdings könnte Brizyn, den Zarnack seit einem halben Menschenalter kannte, mit dem Geplänkel langsam aufhören und nun genauer werden. Zarnack war kein kleiner Junge mehr; er war alt genug für eine vernünftig mitgeteilte Diagnose.

“Mir bleibt das unverständlich. Warum habe ich keinen Appetit mehr?”, insistierte Zarnack. Vielleicht eine Spur unfreundlicher, als es einem erfahrenen Hausarzt gegenüber angemessen gewesen wäre. Als Entschuldigung vor sich selbst führte Zarnack das vormittägliche Entlassungsschreiben an.

“Es sind … Wucherungen sind es.” Trotz seiner Erfahrung im Umgang mit Krankheiten und Schicksalen, gelang Dr. Avenir Brizyn kein grammatikalisch über alle Zweifel erhabener Satz.

Zarnack folgerte: “Also Krebs. — Ist es Krebs?”

“Für so eine Diagnose wäre es viel zu früh.”

“Schlimm?” Mark Zarnack hauchte das Fragewort. Auf Krankheit war er nicht vorbereitet, ihn hatte bisher das Entlassungsschreiben vom Vormittag beschäftigt. Schon verkrampfte sich Zarnacks Magen, der schneller begriff als das Hirn.

Dr. Avenir Brizyns gütiger Blick aus immer feuchten Bernhardineraugen schaffte es nur bis auf die Höhe des Hemdkragens von Mark Zarnack: “Es lässt sich wenig sagen. Weitere Untersuchungen sind nötig. Ich bin nur Hausarzt.”

“Bitte, sag mir die Wahrheit.”

“Es ist operabel. Sicher ist es operabel. Das lässt du bei Professor Feschenbacher machen. Ich habe mit ihm studiert, ein ganz hervorragender Mann. Danach eine Chemo —”

“Also Krebs.”

“Erstmal sind weitere Untersuchungen nötig, Mark.”

“Wie lange?”

“Was meinst du?”

“Wie viel Zeit bleibt noch?”

“Genug, Mark! Und du kannst auch vollständig genesen.”

“Sag mir die Wahrheit. Wie viel Zeit, was ist deine Meinung?”

Dr. Avenir Brizyn machte eine ausholende Bewegung. “Mehr als genug!”

“Bitte, sag es mir.”

“Jeder vernünftige Mensch würde mit der Zeitspanne, die dir bleibt, zufrieden sein. Es ist … es ist reichlich Zeit, alles zu ordnen.”

Zarnacks Magen beruhigte sich, nachdem Dr. Avenir Brizyn die Wahrheit halbwegs herausgelassen hatte. Sein Leben ginge also in sehr absehbarer Zeit zu Ende, dachte Zarnack - und staunte, dass ihn die Erkenntnis nicht unmittelbar aus der Bahn war. Vielleicht weil er alle Gefühle, alle Verzweiflung schon in der Scheidung und beim Untergang seines eigenen kleinen Hotels verbraucht hatte? Es waren keine Emotionen mehr übrig. Er würde nichts hinterlassen. Letztlich hatte sein Leben trotz aller Bemühungen keine Spur gezeichnet. Übrig blieben, solange er lebte, seine Träume. Die hatte er nicht verwirklicht. Mit seinem Tod wären auch sie ausgelöscht.

Der Gedanke traf ihn. Nicht die Krebskankheit erschütterte ihn, sondern dieser Gedanke. Zarnack fühlte sich vom Leben betrogen.

Nein, das war zu kurz gedacht; das Leben hatte ihn nicht betrogen. Er hatte sich selbst um sein Leben betrogen. Nie war er - was er sich eigentlich zum Ziel gesetzt hatte - zum Direktor eines Fünf-Sterne-Hotels in einer Weltstadt berufen worden, geschweige denn, dass er jemals das aufregende Prickeln des Abenteuers und der Gefahr erlebt hätte, das für einen Spion so selbstverständlich sein musste, wie die Luft zum Atmen.

“Mach noch etwas, was du immer machen wolltest, Mark. Erfüll dir einen Traum”, sagte Dr. Avenir Brizyn. “Ein halbes Jahr hast du. Bestimmt.”

Text und Foto veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des FS-Verlags Edition Störtebeker.

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