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Sechs Richtige mit Zusatztod als kostenloses eBook

Sechs Richtige mit Zusatztod

Ein Spionage-Thriller von Octavius Zelma

3. Kapitel: Liebesgrüße aus Blei

Samstag | 01.10.1988 | 12 Uhr

Letzten Samstag, es war der 24.9. gewesen und die Vorbereitungen für das Strauß-Attentat waren fast abgeschlossen, hatte Varentholt im Bistro des Bülower Hofes gesessen und im Abendprogramm des Westfernsehens erfahren, dass er einen Lottohauptgewinn gelandet hatte. Der Gedanke war verlockend, gleich in Westdeutschland zu bleiben und am Montag den Gewinnerschein einzulösen. Aber Varentholt war am Sonntag ganz nach Vorschrift in die DDR zurückgekehrt. Die Staatssicherheit beließ ihre Kundschafter im Kampfeinsatz so kurz wie möglich in Feindesland, nach Abschluss von Vorbereitungen verlangte sie die sofortige Heimkehr in die DDR. Heute, genau sieben Tage nach seinem Lottogewinn, war Detlev Varentholt wieder im Westen, planmäßig geschickt von der Staatssicherheit. Heute war der Tag, an dem er nach all den Vorbereitungen Franz Josef Strauß erschießen sollte.

Auf konspirativen Wegen war Detlev Varentholt am heutigen Morgen aus Ostberlin zurückgekehrt in das Bonner Umland, das eine diskrete und dennoch mit allem westlichen Komfort ausgestattete Hotellerie bot: ein Biotop für Agenten aller Couleur, für Kapitaleinsammler karibischer Briefkastenfirmen und für Lobbyisten, die sich im malerischen Rheintal vom Nahkampf auf Bonner Ministerienfluren erholen wollten.

Detlev Varentholt ließ sich tiefer in den Fahrersitz seines parkenden Ford Taunus sinken. Er drehte an der Mittelwellenskala des batteriebetriebenen Telefunken-Kofferradios, bis die Frauenstimme im Lautsprecher klar wurde. Es handelte sich um Greta Surminski. Seit Jahren rätselte der Verfassungsschutz, wer die Frau war, die den DDR-Kundschaftern im Auslandseinsatz über Mittelwelle Anweisungen gab.

Mit monotoner Stimme las Greta Surminski vor.

Die Kölner Verfassungsschützer nannten sie verächtlich Stimmenautomat. Sie konnten nichts gegen Greta Surminski unternehmen; sie saß unerreichbar in Ostberlin, im fünften Stock der Stasi-Zentrale, Normannenstraße. Die westdeutschen Schlapphüte ahnten auch nicht, dass Greta Surminski im Alltag eine melodische Altstimme besaß und im Chor der Aktivistinnen Rote Pumpe von Hohenschönhausen sang.

“… Sieben für einhunderzwölf. Sieben für einhunderzwölf. Vögelchen auf Fest. Vögelchen auf Fest. Drei für fünfundneunzig. Drei für fünfundneunzig …”

So ging es weiter. Für Varentholt wichtig war Vögelchen auf Fest. Franz Josef Strauß weilte noch auf dem Oktoberfest in München. Alles lief planmäßig.

Bald würde Strauß das Oktoberfest verlassen, seinen Privatjet besteigen und den Jet selbst nach Regensburg fliegen. Gegen sechzehn Uhr träfe Strauß dann beim Weiler Aschenbrennermarter ein, um an einer von Johannes von Thurn und Taxis veranstalteten Hirschjagd teilzunehmen. Gegen zwanzig Uhr würde Strauß wieder seine Maschine besteigen und nach Köln-Wahn fliegen. Dort würde Varentholt mit dem SSG 82 auf ihn warten.

Alles war vorbereitet. Das SSG 82 hatte Varentholt letzten Sonntag am Wildrosenbusch eingegraben. Und Helmstedt war informiert: Nach dem Anschlag würde Varentholt gegen Mitternacht dort über die Grenze gehen und hinter ihm würde sich der Eiserne Vorhang schließen. Für einen reibungslosen Grenzübergang sorgten auf der DDR-Seite die Beamten der Staatssicherheit und auf westdeutscher Seite zwei Maulwürfe im Dienste des Bundesgrenzschutzes.

In den Stunden vor der Ausführung eines Auftrags, wenn Detlev Varentholt wusste, dass alles bestmöglich geplant war, entspannten sich seine Nerven. Erst kurz vor dem Anschlag kam die Nervosität. Auch jetzt fühlte Varentholt sich gelöst, sogar hochgestimmt. Allerdings tief im Magen blieb diesmal ein Grummeln wegen der kommenden Gefahr.

Vielleicht zeigte das Grummeln, dass Varentholt immer noch der Lottoschein beschäftigte. Varentholt hatte die Gedanken daran zurückgedrängt. Trotz der sechs Richtigen wollte er so zuverlässig funktionieren, wie die Normannenstraße es von einem Kundschafter mit Kampfauftrag erwarten durfte. Aber im Augenblick blieb ihm nur das Warten, bis Strauß in Köln-Wahn eintraf. Da fingen die Gedanken an zu schweifen.

Varentholt zog seine Brieftasche aus dem Jackett, legte sie auf den Lenkradkranz und klappte sie auf. Er überblätterte den perfekt gearbeiteten Ausweis, der seine West-Existenz beglaubigte. Der Lottoschein und die Gewinnquoten kamen zum Vorschein. Gleich letzten Montagmorgen hatte Detlev Varentholt noch in Bonn die Bildzeitung gekauft und die Lottoquoten ausgeschnitten, den Rest überflogen und weggeworfen, bevor er mittags - konspirativ natürlich - über die Grenze in die DDR zurückgekehrt war. Die Offiziellen in Ostberlin hassten die Boulevardpostille aus dem Springer-Verlag. Ein Kundschafter im Auslandseinsatz tat gut daran, das Kapitalistenblatt vor der Rückkehr in den Arbeiter- und Bauernstaat aus dem Gepäck zu entfernen.

Nun war Varentholt erneut in Bonn, um den Strauß-Auftrag zu vollenden. Den Lottoschein hatte er wieder mitgebracht. — Warum eigentlich?

Viereinhalb Millionen Westmark — das war die Summe, die Varentholt erhielte, wenn er den Lottoschein vorlegte.

Darum hatte er den Schein dabei. Und niemandem in Ostberlin von dem Gewinn erzählt.

Seit einer Woche malte er sich aus (gegen seinen Willen!), was mit der Summe möglich wäre.

Autos, Frauen, süßes Nichtstun. Das waren die ersten Sachen, die auch einem überzeugten Sozialisten in den Sinn kamen.

Aber das waren Reflexe, genährt vom kapitalistischen Westfernsehen. Tief im Innern wollte Varentholt anderes, so sagte er sich:

Er plante, Computertechnik zu studieren und danach in Dresden bei Robotron eine Arbeit aufzunehmen. Robotron war das Vorzeigekombinat der DDR. Durch Robotron wollte die DDR bald ganz oben in der weltweit boomenden Computerbranche mitmischen.

Durch den Millionengewinn einer westlichen Lotterie jedoch bestände für Varentholt auch die Möglichkeit, sich aus der DDR abzusetzen und auf eigene Faust nach Amerika zu gehen, dem gelobten Land aller Computerbegeisterten. In dieses Ziliken Wälli. Wie der westdeutsche Andreas von Bechtolsheim, von dem Varentholt gehört hatte. Der hatte als Computerunternehmer sein Glück in Amerika gemacht.

Aber was sollte Varentholt als Unternehmer in der Computerbranche unternehmen? Er konnte sich kein Geschäft vorstellen. Richtige Computer — und das waren die einzigen, die Varentholt interessierten — waren tonnenschwere, wohnzimmerschrankgroße Datenverarbeitungsmaschinen, ausschließlich für die Forschung bestimmt. All die Überlegungen führten letztlich zu dem wiederkehrenden Ergebnis: Er wollte beim Aufbau des Sozialismus helfen: Heute mit der Waffe in der Hand und morgen, indem er mit besseren Computern die Volkswirtschaft der Werktätigen steuerte. Alles andere waren Hirngespinste, eingeimpft vom dekadenten Westen.

Andererseits … viereinhalb Millionen Westmark … das wäre ein Sicherheitspolster, mit dem er trotz aller Bedenken den Sprung ins Ziliken Wälli wagen könnte …

Die Staatssicherheit würde ihn verfolgen, sobald er sich davonmachte, das war klar. In Westdeutschland spürten sie ihn auf. Sie würden ihn entführen. Aber ob ihr Arm bis nach Amerika reichte? Varentholt bezweifelte es.

Trotzdem: Er würde sich nicht absetzen. Kaum weil er Angst vor der Stasi gehabt hätte. Aus einem anderen Grund: Letztlich glaubte er an die DDR und an ihre Idee. Er wollte diesem Staat helfen, den Sozialismus, diese großartige Idee von Gerechtigkeit, Gleicheit und Wohlstand, wahr werden zu lassen.

Detlev Varentholts Fingerkuppen strichen über den blassgelben Schein. Zwei Millionen Westmark bedeutete er. Die blauen Hunderter mit dem Mützenmann vorn und dem Adler auf der Rückseite, sie wären knisternde Tatsachen. Zweifel nagten weiter in Varentholt. Er warf zwei Millionen Westmark weg, weil er an den Aufbau des Sozialismus glaubte?

War das Naivität? Staatsbürgerpflicht? War es schlicht Dummheit?

Vielleicht konnte er das eine tun, ohne das andere zu lassen? Die Millionen nehmen und die Operation Strauß durchziehen?

Der DDR nützte es nicht, wenn er auf die Millionen verzichtete. Er könnte seinem Staat weiterhin dienen und gleichzeitig etwas für sich selbst tun.

Das war vernünftig gedacht. So könnte er es machen.

Varentholt steckte die Brieftasche mit Quotenzettel und Lottoschein ein.

Zweifel blieben. Betrog er sich selbst? Verriet er seine Überzeugungen?

Aber das Grummeln im Magen ließ nach. Das sprach dafür, dass er sich so entscheiden sollte.

Varentholt stellte das Radio aus, schob die Teleskopantenne zusammen und ließ das Transistorgerät aus westlicher Produktion unter dem Beifahrersitz verschwinden. Das Radio ebenso wie der West-Wagen waren von der Hauptverwaltung Aufklärung zur Verfügung gestellt worden.

Varentholt stieg aus und ging hinauf in sein Hotelzimmer im dritten Stock.

In seinem Kopf arbeitete es weiter.

Sein Gepäck stellte er hinaus auf den Gang, kontrollierte den Raum und die Nasszelle, wischte mit zwei fusselfreien Tüchern die Bereiche, die er berührt haben konnte.

Wie sollte er sich entscheiden?

Das Gepäck verstaute er im Kofferraum des Taunus’. Dann bezahlte er wie in der letzten Woche die Rechung für die Übernachtung von Freitag auf Samstag in bar bei Harden, dem halbkahlen Empfangschef des Bülower Hofes. Einen Zehnmarkschein und einige Münzen bekam Varentholt zurück. Den Zehner steckte er ein. Die Münzen ließ er Harden als Trinkgeld. Harden bedankte sich; dabei schaffte Harden es, zugleich herzlich und respektvoll zu sein. Er gab dem Gast das Gefühl, ein gern gesehener, durchaus höherstehender Freund des Hauses zu sein.

Den Taunus durfte Varentholt für die nächsten Stunden auf dem Innenhof stehen lassen. Zur Fußgängerzone war es nicht weit. Varentholt spazierte die Strecke, um sich zu entspannen. Um über das Für und Wider nachzudenken. Eigentlich hatte er sich schon entschieden. Warum sonst hätte er das Ziel gewählt:

In der Fußgängerzone gegenüber der Traditionsbuchhandlung Bouvier war die Lotto-Toto-Annahmestelle Weerhahn.

Die kaum zwanzigjährige Verkäuferin hatte eine Karin Tietze-Ludwig-Frisur, sie rollte gerade einen Postkartenständer von der Straße.

“Entschuldigen Sie, haben Sie Ahnung von Lottoscheinen?”, sprach Varentholt sie an. Bei ihr hatte er letzte Woche seinen Lottotipp abgegeben. Aber daran erinnerte sie sich wohl nicht.

“Wir schließen gleich”, sagte sie. Es war halb zwölf.

“Was wäre, wenn ich einen Gewinn hätte?”

Jetzt machte sie ein freundlicheres Gesicht. “Ich mag Gewinner”, sagte sie, “Kleingewinne zahlen wir direkt im Laden aus.”

“Und größere Gewinne?”

“Haben Sie einen?” Ihr Lächeln wurde noch freundlicher.

“Ich fürchte nein. Aber ich bin neugierig.”

“Oh … fragen Sie besser meinen Chef. Der kennt sich aus. Friedrich … kannst du kommen?”

Sie widmete sich weiter den Vorbereitungen des Geschäftsschlusses. Ein Herr in den besten Jahren erschien, einen Wohlstandsbauch vor sich herschiebend. Beim Gehen hielt der Kioskbetreiber sich abwechselnd am Verkaufstresen und am Zigarettenregal fest.

Er trug einen Pullunder, der auch schon 1988 seit gut zehn Jahren außer Mode war. Am Handgelenk hatte er eine goldene Armbanduhr und am Ringfinger einen doppelten Ehering, ebenfalls aus Gold.

Detlev Varentholt vermutete, dass er einen Witwer vor sich hatte, der mit seinem Kiosk ein schönes Auskommen gefunden hatte. Vielleicht täte DDR gut daran, Kleinunternehmer wieder zuzulassen: Die Nahversorgung würde vielleicht nicht besser, zumindest aber angenehmer werden. In HO-Läden kam er sich häufig vor wie ein Störenfried, der das Personal von der Pause abhielt.

Mit sich und der Welt zufrieden, lächelte der Kioskbetreiber Detlev Varentholt an:

“Womit kann ich dienen?”

“Bei einem Lottogewinn —”

“Wie hoch wäre er?”

“Wie kommen Sie darauf, dass ich gewonnen hätte?”

“Sonst würden Sie nicht fragen.” Die fleischigen Lippen des Kioskbesitzers schmatzten, “Ich betreibe die Lottostelle seit zwanzig Jahren. Ich schmecke, wenn ein Gewinner im Laden ist.”

“Sie schmecken es?”

“Es ist ein Geschmack des Glücks. Ich erkenne Gewinner … ein großer Gewinn? … Sagen Sie nichts. Halten Sie es geheim. — Ich sehe es Ihnen an. Es ist ein großer Gewinn.”

Er streckte Detlev Varentholt den kurzen Arm herüber. Die Manschette rutschte zurück, die Uhr wurde ganz sichtbar. “Lassen Sie mich Ihnen die Hand geben. Ich mag es, Finger zu berühren, die Glück bringen. Sie bringen mir auch Glück.”

Detlev Varentholt fühlte sich überrumpelt. Konnte man es ihm ansehen? Aber das war unmöglich. Er ließ sich die Hand schütteln und dachte: Komisch, dass der Mann seine Uhr am rechten Handgelenk trägt. Genau so eine Uhr würde Varentholt sich leisten wollen, wenn er den Gewinn … ja, wenn er ihn irgendwie einlösen könnte.

“Wenn es mehr als tausend Mark sind, fahren Sie nach Münster. Dort sitzt WestLotto. Das ist die Lottogesellschaft von Nordrhein-Westfalen. Die zahlen bar aus … Aber sie überweisen auch, falls Sie sich die Fahrt sparen wollen. Sie brauchen nur anzurufen. Die Nummer steht auf dem Lottoschein.”

Varentholt murmelte irgendeine Entschuldigung und eilte aus der Annahmestelle. Wie der Mann ihm auf den Kopf zugesagt hatte, dass er ein Lottogewinner sei - es erschreckte Varentholt.

Tatsächlich, auf der Rückseite des Scheins stand eine Telefonnummer. — Und dort war eine Telefonzelle. In der DDR gab es nur in Ostberlin einige Telefonzellen. In Westdeutschland leuchteten sie einem signalgelb in jeder Fußgängerzone entgegen. Ihm fehlte Münzgeld für die Zelle. Er hatte es Harden als Trinkgeld gegeben, da er in wenigen Stunden zurück in der DDR sein wollte.

Er würde den Zehnmarkschein tauschen, wollte zu Bouvier hinein. Abrupt blieb er stehen: Lydia Schöffer kaufte in der Buchhandlung. — Jetzt war sie nicht mehr zu sehen. War es Einbildung gewesen?

Oder verfolgte sie ihn?

Er ging zurück zum Kiosk, verbarg sich an den Postkartenständern, die hinter der Eingangstür standen, und beobachtete die Straße:

Die Frau kam aus der Buchhandlung, sah sich um. Kein Zweifel, es war Lydia. Sie entdeckte ihn nicht und schlenderte davon. — Da! Nochmal sah sie sich um.

“Wollen Sie Geld wechseln?”, fragte der korpulente Kioskbesitzer, der gerade die Vormittagseinnnahmen zählte.

“Wieso?”

“Sie halten einen Zehnmarkschein in der Hand. Wahrscheinlich wollen Sie mit WestLotto telefonieren. Ihnen fehlt aber das Markstück dazu.”

“Sie irren sich.”

“Dann ist es gut. Es würde auch zu einer Enttäuschung bei Ihnen führen.”

“Wieso?”

“Samstags hebt bei WestLotto keiner ab.”

Daran hatte Detlev Varentholt nicht gedacht.

“Sie sind nicht von hier, was?”, meinte der Kioskbesitzer.

Varentholt steckte den Zehner ein und beobachtete die Straße. Lydia Schöffer war verschwunden. Ob ein Dienst sie auf ihn angesetzt hatte?

Das war unmöglich.

In sechs Stunden würde er Franz Josef Strauß erschießen. Allerdings: So entspannt, wie er gedacht hatte, lief die Wartezeit davor nicht ab.

“Ich erkäre Ihnen, wie Lotto bei uns funktioniert.” Der Kioskmann nahm einen Lottoschein aus dem Ständer und schüttelte den Schein. Wie ein Leporello entfaltete er sich. “Drei Teile. Der oberste Teil ist das Original. Dort kreuzen Sie die Zahlen an. Durch das Kohlepapier werden Ihre Tipps übertragen auf das darunterliegende Duplikat.”

Er trennte den zusammenhängenden Schein an den beiden Perforationslinien in seine drei Bestandteile auf.

“Das Original mit Ihren angekreuzten Zahlen nehmen Sie mit. Den Durchschlag schicke ich Freitagabend im Sammeltransport nach Münster in die Lottozentrale an der Weseler Straße. Dort werden die Durchschläge auf Mikrofilm übertragen. Das ist ein beliebter Studentenjob. Wird gut bezahlt. Die Durchschläge kommen nach der Verfilmung in einen Tresor der Zentrale.”

“Deutsche Gründlichkeit.”

Der Kioskmann gluckste. “In der Tat. Aber aus einem anderen Grund. Da kommen Sie nicht drauf.”

Er hielt das Kohlepapier hoch, das den mittleren Teil des auseinandergefalteten Lottoscheins gebildet hatte. Kreuzte der Spieler auf dem Original seine Zahlenkästchen an, drückte die Kugelschreiberspitze seine Tipps als Kohlepartikel auf den Durchschlag durch. Auf dem Kohlepapier blieb ein Negativ des Tipps: weiße Kreuze auf schwarzer Fläche.

Die Kioskmann sagte: “Das Kohlepapier bleibt in der Lottoannahmestelle. Es ist die dritte Sicherung. Manipuliert jemand das Original oder den Durchschlag, kommen wir ihm mit dem Kohlepapier auf die Schliche. Da sind schon einige drauf reingefallen. — Deswegen ist der am Mann geführte Lottoschein, der gewonnen hat, so gut wie Bargeld. Sie legen ihn innerhalb eines Vierteljahres vor und bekommen Kleingewinne in den Annahmestellen ausgezahlt. Für größere Summen fahren Sie zur Zentrale nach Münster oder lassen sich telefonisch einen Lottoboten aus der Zentrale kommen. Das Geld wird Ihnen überwiesen, oder wenn Sie es bar haben wollen, wird es Ihnen in Bündeln auf den Tisch gelegt. Sie bekommen den Transportkoffer kostenlos dazu. Und eine Anlageberatung, wenn Sie wollen.”

“Toll.”

“Wenn Sie mich fragen, verzichten Sie auf die Barauszahlung. Ist zu gefährlich. Machen Sie ein frisches Konto bei einer neuen Bank auf, lasssen Sie überweisen. Keine Sorge wegen der Steuer, das erste Jahr sind Lottogewinne steuerfrei.”

Varentholt entdeckte die sympathischen Seiten des Kapitalismus’.

“Danke, aber ich habe nicht gewonnen”, sagte er und verließ den Kiosk. Die Verkäuferin mit der Tietze-Ludwig-Frisur schloss hinter ihm ab. Eben noch hatte in der Fußgängerzone das Leben pulsiert. Die Menschen hatten Sachen gekauft, von deren Existenz die DDR-Bürger nur aus dem Westfernsehen wussten. Jetzt sah es aus, als flüchteten die Westdeutschen aus der Innenstadt, da die Geschäfte schlossen. Als ob die Westler nur lebten, um zu kaufen.

Varentholt wollte nachdenken. Er ging zu Karstadt, das noch geöffnet war. Das Restaurant in der obersten Etage hatte bei seinen früheren Besuchen in Bonn Erfrischungsraum geheißen, nannte sich nun Cafeteria und hatte die Bedienung eingespart. Stattdessen musste Varentholt sich seinen Automatenkaffee selbst aufs orange Tablett stellen und damit nach dem Bezahlen zum Platz jonglieren. Im entwickelten Kapitalismus wurde der Gast zu seinem eigenen Kellner. Die Cafeterias in der DDR hießen Milchbars und hatten Serviererinnen. Leider durfte der DDR-Bürger sich in einer Milchbar nicht einfach hinsetzen, sondern musste warten, bis die Serviererin ihn aufforderte einzutreten, was im real existierenden Sozialismus dauern konnte.

Womit Detlev Varentholt nicht gerechnet hatte: Auch die Cafeteria hielt sich an den samstäglichen Ladenschluss. Nach dem Kassiervorgang erklärte eine Frauenstimme aus unsichtbar angebrachten Lautsprechern über seinem Kopf: “Wir schließen in wenigen Minuten. Wir danken für Ihren Einkauf und wünschen ein schönes Wochenende.”

Detlev Varentholt befürchtete, im Karstadt eingeschlossen zu werden und dadurch seinen Termin mit Franz Josef Strauß zu verpassen. Das würde er in Ostberlin niemandem erklären können. Varentholt stellte die fast volle Kaffeetasse in den Rückgabeschrank und durcheilte das Kaufhaus auf kürzestem Weg zum Ausgang. Tatsächlich waren kaum noch Kunden anwesend.

Da Varentholt sein Hotelzimmer freigegeben hatte, entschied er sich, im Bistro des Bülower Hofes einen zweiten Versuch zu unternehmen, sich mit Kaffee die Wartezeit zu vertreiben und dabei über das Lottoproblem weiter nachzudenken.

Außer ihm saß kein Gast im Bistro. Die Zeit des Mittagessens war vorbei, der kleine Kellner räumte Geschirr ab. Empfangschef Harden unterstützte den Kellner und kam herüber, als er Varentholt Platz nehmen sah. Varentholt bestellte, holte dann, da Harden sich wieder entfernt hatte, seine Brieftasche heraus und entnahm ihr den Lottoschein und den Zeitungsausschnitt mit den Quoten.

Gleich letzten Montag hätte er nach Münster fahren sollen, um den Gewinn einzulösen. Stattdessen war er, wie es von ihm erwartet worden war, nach Ostberlin zurückgekehrt, um über die Fortschritte bei der Vorbereitung des Attentats Bericht zu erstatten. Er hätte erst Dienstag zurückkehren sollen, den Ärger riskieren müssen. Eine Ausrede wäre zu finden gewesen. Montag hätte er die Millionen in Münster kassieren können, dann wäre er seit fünf Tagen Millionär — Westmarkmillionär. Nun würde er, wollte er an das Geld kommen, noch einen weiteren Auftrag übernehmen müssen, um erneut in die BRD geschickt zu werden.

Wenn er erst das Studium aufgenommen hatte, würden sie ihn nicht mehr reisen lassen. Er würde sich also weiter bei der Stasi verpflichten müssen und das Wintersemester verpassen.

Vielleicht konnte er mit dem Studium beginnen und sich nur für einen Einsatz herausziehen lassen?

Er ließ ein Stück Zucker in den Kaffee gleiten.

“Ist hier noch frei?”, fragte ihn leise eine Frauenstimme, die er kannte.

Vor ihm stand Lydia Schöffer mit den dunkelbraunen Augen und dem Teint wie aus Porzellan.

“A-aber selbstverständlich.” — Es war, als wiederholte sich die Szene, die sie vor sieben Tagen durchgespielt hatten.

“Sie haben sich vor mir versteckt”, meinte Lydia Schöffer.

“Überhaupt nicht.”

“Aber ich habe Sie nicht mehr gesehen, seit wir uns letzten Samstag unterhalten haben.”

“Ich … ich war geschäftlich unterwegs.”

Es kam ihm vor, als sehe sie ihn prüfend an. “Verstehe”, erklärte sie schließlich, “Sie haben versucht, Hoteliers davon zu überzeugen, dass sie das Kaffeepulver Ihrer Firma aufbrühen sollen, statt des Konkurrenzpulvers, welches die Hoteliers bisher verwendet haben.”

“In etwa, ja.” Er bat Lydia, Platz zu nehmen. Während er ihr den Stuhl zurecht schob, versuchte er, sich zu erinnern, was er ihr letzten Samstag von seinem Beruf erzählt hattte. Aber alles, was während des Lottogewinns passiert war, verschwand in den Nebelwolken der Glückshomrone, die sich nach der Ziehung bei ihm im Kopf breitgemacht hatten.

“Ich finde es faszinierend, wie ein Mann sein Leben damit zubringt, andere Männer zu überreden, statt des einen braunen Pulvers, mit dem sie zufrieden sind, ein anderes braunes Pulver zu benutzen.”

Varentholt sagte: “Der Kapitalismus ist so.” Sinnlos hätte er hinzufügen können; aber er unterließ es wohlweislich. Er wollte bei ihr keine Zweifel säen, was seinen Beruf betraf. Er fragte sich, womit Lydia Schöffer sich den Tag über beruflich beschäftigte. Auch die Nächte interessierten ihn.

Vor sieben Tagen hatte er Lydia hier kennengelernt. Hatte Lydia Schöffer das Zusammentreffen gezielt herbeigeführt?

Eine attraktive Dame an einem Samstagabend allein in einem Hotel. Was hatte sie dort zu suchen? Junge Frauen unterrichteten oder waren in Ausbildung. Sie waren Verkäuferinnen oder Friseusen. Samstagabende verbrachten sie in der Disco, beim Freund oder Ehemann. Sie hielten sich nicht in Hotels auf.

Entweder Lydia Schöffer war eine Prostituierte — aber so schätzte er sie nicht ein. Oder eine … er hätte den Verdacht früher hegen können, tadelte er sich … eine Mitarbeiterin des westdeutschen Verfassungsschutzes.

Das konnte er kaum glauben. Denn seit Beginn der achtziger Jahre hatte die Staatssicherheit das Kölner Amt fast komplett unterwandert. Eine Lydia Schöffer - oder welchen Namen auch immer sie tragen mochte - war im bekanntgewordenen, fotogestützten Personaltableau des Amts nicht aufgeführt. Und dennoch … Ein Restrisiko blieb.

“Was machen Sie hier, Sie waren doch vorhin beim Einkaufsbummel gewesen?”, fragte er.

“Ah, Sie haben mich gesehen.” Lydia Schöffer gab sich keinen Augenblick verunsichert. Sie sagte: “Ich habe eine Köln-Karte gekauft. Sie haben mir einen Blick in Ihre Karte verweigert.”

“Aber ich … ich …” Er hatte es vergessen, war beschäftigt gewesen mit den Vorbereitungen auf den Anschlag. Am nächsten Tag war er schon in Ostberlin.

“Es gibt sie hier im Sonderangebot”, sagte sie.

“Wen?”

“Die Falk-Pläne. Meinen werde ich billiger gekauft haben, als Sie Ihren, Herr Varentholt.” Sie holte einen glanzkaschierten unbenutzten Kölner Stadtplan heraus, zeigte auf das rote Preisetikett. “Eine Mark, Sonderangebot. Ich mag es, Schnäppchen zu ergattern.”

“Schnäppchen?” Das Wort war ihm neu. “Meinen Plan hat mir der Empfangschef über den Tresen geschoben und zwölf Mark achtzig abgeknöpft.” Er hatte die Kosten auf die Hotelrechnung setzen lassen und an der Kasse des Ministeriums für Staatssicherheit eingereicht. Die zwölf Mark achtzig hatte er anstandlso erstattet bekommen, allerdings in Ostmark.

“Wollen Sie einen Kaffee?”, versuchte er, galant zu sein, und ärgerte sich, nicht ebensolch ein Schäppchen gemacht zu haben. Die Westdeutschen waren geübter im Einkaufen.

“Danke, später vielleicht. Hatten Sie wenigstens dabei mehr Glück als ich?” Sie zeigte auf seinen Lottoschein.

“Wie kommen Sie darauf?”

“Das ist ein Samstagsschein. Die Ziehung war vor sieben Tagen.”

“Es könnte der Schein für die heutige Ziehung sein.”

Sie schüttelte den hübschen Kopf. “Sie haben den alten Schein aufbewahrt, denn die Quoten aus der Bild vom letzten Montag liegen daneben.”

“Sie sind eine gute Beobachterin.”

“Das ist mein Job.”

Was genau war ihr Job? Bevor er fragen konnte, sagte sie:

“Sie fragen sich, was ich hier mache.”

“So ungefähr, ja.”

“Was machen Sie hier?”

“Wieso? Ich bin Vertreter für Hotelkaffee.”

“Der Empfangschef hat nichts davon gesagt, dass Sie dem Bülower Hof Kaffeepulver angeboten hätten.”

“Sie haben mit Harden über mich gesprochen?”

“Wir können ganz gut miteinander.”

“Ich versuche nie, einen Abschluss zu machen in den Hotels, in denen ich wohne. Das ist Geschäftsprinzip. Ich trenne Arbeit und Privates. Hier übernachte ich und denke nicht ans Geschäft. So erhole ich mich vom Stress.”

“Vielleicht haben Sie deswegen Ihren Lottoschein noch nicht eingelöst? Es würde Stress bedeuten?”

“Bitte?” Er legte Lottoschein und Zeitungsausschnitt in seine Brieftasche und klappte sie zu. Ein bisschen war er stolz darauf, dass seine Hände dabei ruhig blieben. Leider konnte er Lydia Schöffer das nicht sagen.

Sie schaute ihn spöttisch an: “Oder liegt es daran, dass Ihr Ausweis bei der Einlösung des Lottoscheins überprüft würde?”

Ihm brach der Schweiß aus. Wurde seine Identität bei der Einlösung des Gewinns festgestellt? An das Problem hatte er bisher nicht gedacht. — Aber vielleicht war das noch sein kleinstes Problem?

Sie sagte: “Denn Sie wissen, dass nach Ihnen gesucht wird.”

“Wie bitte!?”

“Es wird nach Ihnen gefahndet, Herr Varentholt. Und ich habe Sie gefunden.”

Sie hielt eine zierliche Weihrauch 9mm in der Hand. Die Mündung zeigte auf Varentholts Brust. Mit einer geschmeidigen Bewegung griff Lydia Schöffer nach Varentholts Brieftasche und steckte sie ein. Er war zu verdutzt, um zu reagieren.

Text und Foto veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des FS-Verlags Edition Störtebeker.

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