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2 - Der Rosenknospenmund

Ich verlor nicht sofort das Bewusstsein, aber es tat höllisch weh, und alles wurde rot und verschwommen. Ich spürte grobe Hände auf mir, die mir die Klamotten herunterzerr ten und mich auf rutschiges, zerknittertes Plastik warfen. Kratzige Seile wurden mir um Hand- und Fußgelenke gebunden, und mein erster, halb betäubter Gedanke war: Bondage, spinnen die? Man kann doch nicht Bondage und Sex in derselben Szene drehen!

Dann konzentrierte sich der Schmerz auf ein fieses Pochen in Wangenknochen und Schläfe auf meiner linken Seite, und ich konnte wieder sehen. Ich bemühte m ich, den ersten Schock schnell zu über winden, damit ich herausfinden konnte, in was für eine Scheiße ich mich nun wieder hineingeritten hatte. Mir hätte klar sein müssen, dass hier etwas nicht stimmte, sobald Sam mir diese Bel-Air-Adresse gegeben hatte. Wenn es sich vermeiden lässt, dreht niemand aus der Pornoszene außerhalb von Beverly Hills, um keinen Preis.

Soweit ich das erkennen konnte, lag ich auf dem Rücken und war schlampig und unoriginell mit ausgestreckten Armen und Beinen gefesselt. Bluse und waren unters Kinn hoch geschoben. BH und der Rock bis zur Taille zerrissen. Ich hatte keine Ahnung, was mit meinem Slip passiert war. Jesse stand links neben mir mit dem hirnlosen Gesichtsausdruck, den Männer immer haben, wenn sie Taschenbillard spielen. Hinter ihm stand einer der beiden Fremden. Dümmlich und m it ausdruckslosem Blick, einer Hautfarbe wie gekochte Kartoffeln und dem Körperbau eines Nashorns auf Steroiden. Er trug enge Lederhandschuhe und hatte die Hände nicht in den Taschen. Er hielt Sam am Arm gepackt wie ein unartiges Kind, das bestraft werden soll.

“Sie haben Georgie”, sagte Sam mit kaum hörbarer Stimme. “Tut mir leid.”

Das Nashorn knuff te Sam wie nebenbei an den Kopf, was Sam umgehauen hätte, wenn der Typ ihn nicht festgehalten hätte.

“Verdammt!”, sagte Sam.

“Schnauze”, sagte das Nashorn freundlich, als ob er ein Bier bestellte.

Sam kniff die Augen zu und ließ den Kopf hängen.

Ich war drauf und dran, etwas wirklich Dummes von mir zu geben, das die Mutter des Nashorns betraf, als der andere Typ von rechts in meinem Gesichtsfeld erschien. Da wusste ich, dass das Nashorn noch das Geringste meiner Probleme war.

Dieser Typ gehörte zu den Leuten, die man erst wahrnimmt, wenn sie einen direkt ansprechen. Unsichtbar, ein Typ wie hundert andere.

Mittelgroße Statur, braune Haare, unscheinbare Gesichtszüge über einem unscheinbaren Hemd und einer unscheinbaren Krawatte. Aber wenn man so einen Typen dann doch wahrnimmt, wenn man ihm einmal in die Augen gesehen und hinter die Fassade des Unscheinbaren, Alltäglichen geblickt hat, dann weiß man, dass der Kerl ein wirk lich böser Mensch war. Er verströmte so starke Alphamännchen-Schwingungen, dass sich alle anderen Männer im Raum ihm ohne Zögern unterordneten. Keine Frage, er war der Boss.

“Wo ist die Kohle?”, fragte er.

Ich machte mir noch nicht mal die Mühe zu fragen, welche Kohle. Ich blinzelte nur stumm und wütend zu ihm empor. Ich fragte mich, was es mich wohl kosten würde, damit ich hier wieder heil rauskam.

Der Boss wies mit dem Kinn auf mich.

“Frag sie”, sagte er.

Jesse lächelte und verpasste mir eine saubere Rechte in den Bauch.

Ein paar panische Sekunden lang war ich mir sicher, dass ich gleich aufs Bett kotzen würde. Mein Körper wollte sich unbedingt zusammenrollen, doch da meine Glieder festgebunden waren, blieb ich ausgebreitet liegen und konnte nur warten, bis die Welle brennender Übelkeit, die in mir hochstieg, sich wieder legte.

“Ich weiß nicht, von was Sie reden”, sagte ich oder versuchte es zumindest. Heraus kam eine Art atemloses Keuchen ohne Konsonanten.

“Da ist ein Mädchen in dein Büro gekommen mit etwas, das ihr nicht gehört”, sagte der Boss. “Ein Aktenkof fer. Sie ist ohne den wieder weg. Er ist weder in deinem Büro noch in deinem Haus. Wo ist er?”

Siedend heiß fiel mir alles wieder ein. Dieses Mädchen. Die besorgte Blondine mit dem Dracula-Akzent, die kurz vor der Mittagspause in meinem Büro aufgetaucht war, etwa sechs Stunden vor Sams Anruf. Die nach einem meiner Models, Zandora Dior, gefragt hatte.

“Lia” – so stellte sie sich vor – saß auf der anderen Seite meines Schreibtischs und wirkte viel zu klein in ihrem riesigen T-Shirt. Der Blick aus ihren großen grünen Augen wich meinem aus, und sie war angespannt und hatte es offensichtlich eilig. Ihre blonden Strähnchen hatten sicher eine ganze Menge gekostet, und ihre langen falschen Fingernägel schimmerten neu. Insgesamt wirkte sie jedoch schlaff und unterernährt, und sie hatte eine unreine Haut mit Pickeln um den winzigen Rosenknospenmund. Sie trug zwar kein Make-up, aber ich fand, dass sie mit etwas Schminke noch gut auf Schulmädchen machen könnte, um etwa sechs Monate lang zu drehen. Das T-Shirt war so lang wie ein Minikleid und bedeckte ihren engen schwarz en Rock, sodass es so aussah, als hätte sie am Morgen vergessen, sich einen Slip überzustreifen. Der Ak tenkoffer stand zwischen ihren großen Füßen. Ich nahm ihn nur am Rande wahr.

“Haben Sie einen Ausweis?”, hatte ich sie gefragt und sie taxiert, bis zu den blassen Kinderbeinen und den teuren hochhackigen Schuhen hinunter, die viel zu schick waren für das T-Shirt. Für mich signalisierte diese Kombination Stress und Ärger. “Ich kann nicht mal Probeaufnahmen mit Ihnen machen, wenn Sie keinen amerikanischen Führerschein haben.”

“Ich suche keine Arbeit”, sagte sie. “Ich suche Lenuta Vasilescu. In den Filmen heißt sie Zandora Dior.”

Ich betrachtete sie noch einmal von oben bis unten und fragte mich, worum es hier eigentlich ging.

“Zandora ist auf einem Job”, sagte ich.

Lia runzelte die Stirn, als hätte sie keine Ahnung, was ich meinte.

“Sie ist nicht in der Stadt, sie tanzt auswärts”, erk lärte ich. “Auf Tour.”

“Wann ist sie wieder da?”, fragte Lia.

“Montag”, antwortete ich.

“Ach”, sagte Lia, sah auf den Aktenkoffer hinunter und legte die dünnen Finger auf ihrem Schoß ineinander wie ein Kind. “Kann ich bitte ihre Telefonnummer haben? Als Kinder, wir waren Freundinnen in Brasov. Es ist sehr wichtig. Ich muss schnell mit ihr reden.” Spontan beschloss ich, ihr zu helfen – vielleicht, weil sie Zandoras wirklichen Namen kannte oder weil sie so offensichtlich auch Rumänin war oder vielleicht auch, weil sie so klein und verzweifelt aussah, w ie ein Vogel mit gebrochenem Flügel. Für kein Geld der Welt hätte ich ihr Zandoras private Handynummer gegeben, aber ich würde die Kleine auch nicht rauswerfen, wie sie so dasaß und mir gleich in Tränen ausbrach.

“Soll ich ihr etwas ausrichten?”, fragte ich.

“Es …” Die Kleine schluckte schwer und sah weg. “Es ist privat.”

“Ich sag Ihnen mal was”, antwortete ich. “Schreiben Sie ihr doch einen Brief mit Ihrer Telefonnummer und allem. Den kann ich dann dem Klub faxen, in dem Zandora heute ihren Auf tritt hat, und dann kann sie Sie zurückrufen.”

“Na gut”, sagte Lia. Mir war k lar, dass sie damit nicht glücklich war, aber keine Zeit hatte, weiter darüber zu diskutieren. “Kann ich Papier haben?”
Ich gab ihr ein weißes Blatt aus meinem Drucker und einen violett glitzernden Stift. Sie beugte sich über meinen Schreibtisch und schrieb schnell und verkrampft, als ob sie die Worte in Stein meißeln wollte. Ganz of fensichtlich schrieb sie mehr als nur eine Nummer auf. Genauer gesagt, sah nichts in ihrem Brief wie eine Telefonnummer aus. Es war ein dicht gedrängter Absatz in einer mädchenhaft verschnörkelten Handschrift voller seltsamer Häkchen und Kringel. Sogar von meinem Platz aus konnte ich erkennen, dass die auf dem Kopf stehenden Buchstaben nicht Englisch waren.

Es kam mir ein bisschen komisch vor, das sich Zandora einen Brief faxen sollte, den ich nicht lesen konnte, doch es war ja nur ein Brief. Selbst wenn es sich als durchgeknallter Stalkerscheiß oder was auch im mer entpuppte, Zandora musste ja nicht darauf antworten. Schließlich gab ich dem Mädchen nicht Zandoras Privatnummer, und ich sagte ihr auch nicht, an welchen Klub ich diesen geheimnisvollen Brief faxte. Aber all das sollte die nervöse Blondine so zufriedenstellen, dass sie mein Büro verließ. Ihre Art, sich wie ein verletzter Vogel auf zuführen, machte nämlich langsam auch mich nervös. Mir kam es so vor, als müsste ich nach Katzen Ausschau halten.

Während ich schnell ein Deckblatt für das Fax kritzelte und alles dem Vegas faxte, stand Lia auf und Eye Candy schwebte wie ein Geist hinüber zum Fenster. Dort starrte sie durch die Jalousie auf die öde, menschenleere Vesper Avenue hinunter. Sie blieb dort stehen, während das Fax piepte und ratterte und die Blätter einzog und unten wieder ausspuckte.

Als sie sich wieder zu m ir umdrehte, hatte ihre Körpersprache sich subtil verändert. Sie war jetzt eigenartig steif, fast formell, wie eine pflegeleichte Ehefrau auf dem Laufsteg. Sie drehte den Kopf auf dem langen Hals und zeigte mir ein ausdruck sloses Gesicht. Ihr Blick ging ins Leere.
“Wo ist die Toilette?”, fragte sie.

“Am Empfang vorbei und dann rechts”, erklärte ich. “Didi zeigt sie Ihnen.”

Sie nickte, nahm ihren Brief aus der Faxablage, ließ die Kombischlösser des Aktenkoffers aufschnappen und öffnete ihn gerade weit genug, um das Blatt hineingleiten zu lassen. Ich konnte nicht erkennen, was noch darin war, und es interessierte mich auch nicht besonders, aber die Ziffernkombination f ür das Schloss fiel mir doch auf. 666. Komisch, ich hätte nie gedacht, dass sie ein Death-Metal-Fan war.

Ich betrachtete ihren schmalen Rücken, als sie die Tür öffnete. Vielleicht kam es mir ja in diesem Moment doch merkwürdig war, dass sie statt einer Handtasche über der Schulter wie ein Geschäf tsmann einen Aktenkof fer m it sich herumtrug, oder vielleicht war ich auch einfach nur froh, dass sie ging. Sie bedankte sich nicht und sagte auch noch nicht mal Auf Wiedersehen.

Keine paar Minuten später standen zwei Kerle in meinem Büro.

“Sie können da nicht einfach reingehen”, sagte Didi noch, aber es war schon zu spät.

Der Erste, der durch die Tür kam, ein wieseliger, angespannter Typ, war eindeutig aus dem Ostblock – tief gebräunt, gekleidet wie ein armenischer Popstar und mehr als fünf Zentimeter kleiner als ich. Sein groß er Kumpel, der in der Tür stehen blieb, war mehr ein Proll, blondes Haar mit beginnender Glatze, mit kalten blauen Augen und einer massigen, aber kräftigen Statur wie die Kerle, die Trucks mit den Zähnen wegziehen. Er war in Profischwarz gekleidet. Übles Profischwarz.

“Ich vermittle keine männlichen Talente”, sagte ich. “Versuchen Sie’s mal bei drüben am Sherman Way.”

“Sehr witzig”, sagte der wieselige Typ. Er war offenbar das Sprachrohr des Duos und sprach mit einem leichten Akzent, der dem von Lia ähnelte. “Wir suchen Lia.”

“Gerade verpasst”, sagte ich.

“Wir haben sie nicht aus dem Gebäude kommen sehen”, sagte das Wiesel und musterte mich mit einem Blick, als wollte er gleich mit mir in die Kiste hüpfen. Die Leute schauen einfach zu viel Fernsehen. “Was glauben Sie wohl, warum nicht?”

Aus der Toilette waren leise Schritte zu hören, und das Wiesel fuhr bei dem Geräusch herum wie ein hungriges Raubtier.

“Musste sie sich mal kurz die Lippen nachziehen?”, sagte er. “Ist sie deswegen noch nicht rausgekommen?”

“Hören Sie m al, ich kenne weder Sie noch Lia”, sagte ich. “Und ich will nichts zu tun haben mit …”

Bevor ich den Satz beenden konnte, stürmte der prollige Typ durch den Empfang, an der empörten Didi vorbei, und trat die Toilettentür ein.

“He!”, rief Didi.

Die Toilette war leer. Auf dem Boden standen Lias teure Schuhe. Das Fenster stand offen, es war gerade so groß, dass ein dürres Mädchen sich durchquetschen konnte. Mein Büro war im ersten Stock. Der Sprung war machbar, obwohl sicher niemand gern Bekanntschaft mit dem harten Asphalt des benachbarten Parkplatzes schließen mochte. Besonders nicht barfuß. Da musste man schon sehr motiviert sein. Das war Lia offenbar gewesen.

“Hört mal, ihr dämlichen Ärsche”, sagte Didi und baute sich furchtlos wie ein wütender Jack-Russell-Terrier vor den Kerlen auf. “Ich weiß ja nicht, wof ür ihr euch haltet, aber ihr habt genau drei Sekunden Zeit, euch zu verpissen, bevor ich die Cops rufe.”

Die beiden schienen sie kaum z u bemerken. Sie schoben sie einfach zur Seite und verschwanden ohne ein Wort.

“Was zum Teufel war das denn?”, fragte Didi mich.

“Keine Ahnung”, antwortete ich und regte mich erst mal über das kaputte Schloss der Toilettentür auf. “Und ich will’s auch gar nicht wissen.”

Natürlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, wie recht ich behalten sollte. Und wie ich da so auf ein Bett gefesselt lag, klebrig vor Schweiß, der sich unter mir auf der Folie sammelte, umgeben von einer prächtigen Auswahl der miesesten Typen, da wollte ich es noch viel weniger wissen.

Christa Faust, Hardcore Angel © Rotbuch Verlag, Berlin, 2008. Buchauszug und Abbildung mit freundlicher Genehmigung.

Aus der Reihe "Hardcore Angel" 06.03.2009 Weiter lesen

imageChrista Faust schrieb obige erotische Geschichte. - Wer interessant lebt, hat es wahrscheinlich leichter, von interessanten Dingen zu erzählen. Christa Faust (Foto links) lebt interessant. 1969 geboren, arbeitete die Blondine, die wahlweise auch als Brünette oder schwarzhaarige Femme Fatale auftritt, als Model für Fetischmagazine und produzierte sich als Domina in Peepshows am Times Square, New York. Vom verdienten Geld ließ sie Tätowierungen stechen. Oder sie legte die Dollars in edlen halterlosen Strümpfen an.

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Ein schwüler Mix aus Erotik und Thriller - Der Name ist Programm: Faust. Christa Faust. Die Amerikanerin hat einen Thriller geschrieben, der mindestens so hart ist wie ihr Name. "Hardcore Angel" erzählt die Geschichte der Angel Dare, einer Porno-Actrice, die den Aufstieg ins Porno-Produzentengeschäft geschafft hat. Bis zu dem Tag, da sie einen letzten Filmauftrag annehmen will ... Von einem Moment zum anderen bricht die heile (Porno-)Welt der hübschen Angel zusammen und sie gerät in einen Strudel aus Vergewaltigung, Mord, Verfolgung.

erotische geschichten

Die Erotik-Reihe "Hardcore Angel" - alle bisherigen Folgen

Die erste Geschichte der Reihe stehen in der Liste oben, neueste Liebesgeschichten stehen unten.

1 - Angel im Hormonnebel
3 - Im Bett mit Jesse
4 - Attacke auf Angel
5 - Nackte Füße auf dreckigem Beton

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