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1 - Die Viper vor dem Biss

“Oh jahh, oi oi.” MC grunzt immer dabei.

“Suuper, joah, jo.” Mein charakteristisches “joah”: So klinge ich, wenn ich es mache.

Er: “Oh jahh, oi oi.”

Ich danach oder gleichzeitig: “Suuper, joah, jo, jo MC, mach es!”

Wir tun es auf dem Tisch meines Chefs. Sehr kraftvoll, geil und ausdauernd. Der Lagetisch ist ideal, denn es ist eine massive Granitplatte auf Betonstreben. Da vibriert nichts, was nicht vibrieren soll. Mein Chef ist mit seinem engsten Mitarbeiter Schanditt eine Tür weiter im Besprechungsraum. Daher gibt es für mich und MC keinen Hinderungsgrund, es hier zu tun ... Beide Zimmer sind isoliert nach ISO-Norm, kein Laut dringt nach außen. Wir können also voll durchziehen ...

“Drehst du dich um, Faye?”

Während er mich von hinten nimmt, hält er sich an meinen Haaren fest. Wieso müssen Männer beim Sex den Frauen in den Haaren ziehen? Oder gerate nur ich immer wieder an solche Typen?

“Pass auf die Kette auf, du zerreißt sie”, warne ich MC. MC hat mir eine Perlenkette geschenkt. Die echten Perlen hatten ihn 40.000 Euro beim Juwelier Esther und dann noch ein Candle-Light-Dinner im “Steiner Hof” gekostet, damit er sie mir beim ersten Mal selbst anlegen durfte. Heute Nacht trage ich Perlen ihm zuliebe. Nackte Haut, verziert nur mit Pumps und Perlen – das macht den befehlsgewohnten Bulettenboss, der zu schnell zu viel Geld mit seiner Franchise-Braterei verdient hat, handzahm.

Jetzt wird es schön, er beweist Gefühl.

Mein Oberkörper bäumt sich auf, ich beiße mir auf die Unterlippe, um nicht zu schreien: Man braucht das Glück nicht herausfordern. In meine Seiten graben sich seine Fingerspitzen, so fest, dass sie fast die Haut ritzen. Der Körper bebt und zuckt. Tierisches Begehren flammt auf, frisst sich durch alle Bedenken, lodert hell und gierig.

“Jaah, ja, jaaahh, ja, o MC!”

Ich besitze schon immer ein Gefühl für Timing. Es ist wichtig in meinem Beruf, meinem Ex-Beruf. Erschöpft sinkt MC auf die große Lage, und ich fingere den geheimen Schlüssel mit dem abgenutzten “Abus”-Aufdruck aus meinem Lacktäschchen. Die Tasche lege ich zurück, ziehe mir die Robe mit dem Nerzkragen über (ein Geschenk des Doktors), hüpfe vom Natursteintisch und öffne einen Spalt weit die ledergepolsterte Tür, die auf den Gang führt. Stimmengewirr und die Musik der vom Doktor engagierten Combo schallen herein. Eine Etage tiefer ist die Party auf dem Höhepunkt. Nebenan treten der Doktor und Adlatus Schanditt aus dem Arbeitszimmer auf den Gang.

“... nur noch eine Minderheit überlebt durch eigene Erwerbskraft.” Der Doktor legt den Arm auf Schanditts Schulter. “5,1 Millionen Menschen erhalten Arbeitslosengeld 2, mehr als 1,9 Millionen bekommen Sozialhilfe und ähnliche Leistungen.”

Schanditt nickt, hat aber keine Meinung. Ohne mich zu bemerken, gehen sie an mir vorbei zur Freitreppe, die unten im Empfangssaal der Jugendstilvilla endet.
“Nur 41 Prozent leben noch von ihrer Erwerbsarbeit.”

“Also leben lediglich vier von zehn Deutschen von dem, was sie im Markt verdienen”, folgert Schanditt.

Der Doktor überblickt von der Balustrade aus die Gesellschaft: “Die obersten fünf Prozent der Steuerzahler erbringen ein Viertel des gesamten Einkommenssteueraufkommens. Wir sollten aufpassen, diese Leistungsträger nicht zu vergraulen, indem wir sie ständig attackieren.”

“Aber was sollte die Elite tun, wie ausweichen?”

“Sie könnten abwandern. Schweiz, Österreich, die Grenzen sind offen.”

“Ist Berlin das klar?”

“Ein entsprechendes Dossier ist rausgegangen.”

Schanditt grinst. “Sie werden es sicher beachten, dein Dossier.”

Ich schleiche mich zur Verbindungstür, die vom Lageraum direkt ins Arbeitszimmer führt und drehe den Abus-Schlüssel im Schließzylinder.

Düster wie ein Schließfach liegt das verlassene Arbeitszimmer des Doktors vor mir.

“Warte auf mich, MC”, sage ich, unnötigerweise flüsternd, und schließe die Tür hinter mir. Endlich, nach Wochen, am Ziel. Ich weiß, wo ich suchen muss. Was ich nicht ahne: Hier würde ich nicht finden, wonach ich suche, dafür aber etwas anderes entdecken ...

Den Deckenfluter einzuschalten, traue ich mich nicht. Stattdessen kontrolliere ich durch die Jalousie die Heilmannstraße – alles ruhig – und drehe die Lamellen schräg: Das Mondlicht erhellt das Arbeitszimmer, und ich erschrecke ... - Aber ich selbst bin es doch, die sich spiegelt in dem mannshohen Spiegel, der in die Bücherwand eingelassen ist.

Die Gänsehaut legt sich, und ich betrachte mich. Hochgesteckte Frisur, ausgeprägte Stirn, darunter ein immer noch junges Gesicht, das trotz aller Tiefschläge nicht hart geworden ist, sondern die weichen Rundungen eines jungen Mädchens behalten hat. Die Robe verdeckt den durchtrainierten Körper, nicht aber die ausgeprägten Brüste und die Hüften, die stärker ausgebildet sind als bei mitteleuropäischen Frauen. Im Gegensatz dazu ist die Taille schmal. Atemberaubend schmal, wie Liebhaber mir ins Ohr flüstern. Wie gemacht für eng geschneiderte Kostüme oder Korsagen, die ich liebe, aber während eines Einsatzes nicht tragen kann, da mir damit die Luft knapp wird.

Im Schreibtisch finde ich die Mappe mit der Aufschrift “Irina Dölken”, ein schwarzer Stempelabdruck darauf: “VS-NfD”. Verschlusssache, nur für den Dienstgebrauch. Monatelang bin ich dahinter her. Habe mich vom Doktor anwerben lassen, alles auf mich genommen, für diesen Moment. Der mich erlösen wird, der all die Mühen und Erniedrigungen, all die Männer und Gefahren wert gewesen ist. Ich schlage den verwaschen-hellbraunen Pappdeckel auf und blättere hastig durch die Seiten. Kein Hinweis, meine Enttäuschung wächst. Ich finde etwas, was ich nicht suchte: ein Dossier über mich; ein Beweis, dass meine Verwandlung perfekt ist.

“Irina Dölken ist weder schön, noch geistreich. Sie ist eine eingebildete Person, die ihren kargen Lohn für Lippenstift, Flüssig-Make-up und Wimperntusche verschwendet, um in Kriegsbemalung zum Dienst zu erscheinen. Sie ist groß wie ein Mann, neigt zum Übergewicht. Sie besitzt einen breiten Mund, dazu eine bemerkenswert zierliche Nase, was ihrem Gesicht etwas charakteristisch Asymmetrisches gibt. Hinter einer wuchtigen Hornbrille scheinen ihre blassgrünen, kurzsichtigen Augen alles registrieren zu wollen, was in ihrer Umgebung geschieht. Sie unterlässt nichts, was der aufdringlichen Männlichkeit ihrer Erscheinung entgegen wirken könnte. So redet sie – nur wenn sie angesprochen wird - mit einer Stimme, die dröhnt wie eine verstimmte Orgel. Mit ihrem plumpen Gang fegt sie Geschirr und Vasen herunter – um sich herzlich tausendmal zu entschuldigen für das Missgeschick. Das Kind des Hauses liebt Irina Dölken. Wohl weil das Kind erkennt, das unter der rauen, unvorteilhaften Fassade ein gutes, weites Herz schlägt bei der Frau. Womöglich eine romantische, gar zärtliche Seele. Immer bereit, mit der Kleinen zu spielen oder sie bei unbedachten Späßen zu unterstützen. Trotz Bedenken weiter beschäftigen. Gez. S.”

Nach dieser Beschreibung bin ich das glatte Gegenteil meiner selbst. Was für ein herrliches Kompliment, Tarnung perfekt! Tagsüber betreue ich als plumpe Irina Dölken, die 400-Euro-Jobberin aus dem Osten, Haushalt und heranwachsende Tochter des Doktors; nachts aber bin ich Faye Fayence, Agentin in eigener Sache.

Ich schleiche zurück, schließe die Tür zum Arbeitszimmer hinter mir. Im geheimen Lageraum hat sich die Atmosphäre verwandelt. Ich spüre es. Statt Lust und Befriedigung wittere ich Bosheit und Gefahr. Die Härchen auf den Unterarmen stellen sich auf, ich fühle mich plötzlich nackt und ziehe die Robe fester um den Körper. MC hat sich auf dem Lagetisch aufgesetzt und starrt mich ungläubig an. In der Hand hält er mein Lacktäschchen. O Gott ... Er hat es geöffnet.

“Also ist es doch wahr, Faye!” Seine Stimme zischt wie eine Viper in der Sekunde, bevor sie beißt.

Fortsetzung folgt

Aus der Reihe "Die Liebesagentin" 10.11.2013 Weiter lesen

erotische geschichten

Die Erotik-Reihe "Die Liebesagentin" - alle bisherigen Folgen

Die erste Geschichte der Reihe stehen in der Liste oben, neueste Liebesgeschichten stehen unten.

2 - Bekenntnisse einer Stripperin
3 - Sex im Kirchenschiff
4 - Die Dehnung des Kellners
5 - Mutters Mahnung
6 - Finale in Moll

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