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11 - Im Garten der Qualen

Neugierige Weiber folgten aufmerksam den verschiedenen Phasen dieses grausamen Spieles und sahen sehr belustigt aus.

“Nein, diese Scheusale!”, rief Clara, die wirklich entrüstet war; “wahrhaftig, es gibt Frauen, die vor Nichts Achtung haben. Das ist schändlich!”

Ich fragte: “Was für Verbrechen können diese Wesen denn begangen haben, daß sie solche Qualen erdulden müssen?”

Sie antwortete zerstreut: “Ich weiß nicht genau, vielleicht eine Kleinigkeit, kaum eine Sache von Belang, geringe Diebstähle bei Kaufleuten glaube ich. Übrigens sind das nur Leute aus dem gemeinen Volke, die im Hafen herumstrolchen, Vagabunden, armes Gesindel. Sie interessieren mich auch nicht sehr; aber es gibt andere. Du wirst sogleich meinen Dichter sehen. Ja, ich habe hier einen besonderen Liebling und zufällig ist er Dichter. Wie komisch das ist! Nicht? Aber das ist ein großer Dichter. Weißt Du, er hat ein bewunderungswürdiges Spottgedicht gegen einen Prinzen, der den Staatsschatz bestohlen hatte, gemacht und er verabscheut die Engländer. Eines Abends, vor zwei Jahren, war er zu mir geführt worden. Er sang so entzückende Dinge vor, aber hauptsächlich in der Satyre war er vollendet. Du wirst ihn sehen. Er ist der Schönste, falls er nicht schon gestorben ist. Alle Wetter! Bei dieser Lebensführung würde es mich nicht wundern. Was mich am meisten schmerzt, ist aber besonders, daß er mich nicht mehr erkennt. Ich spreche mit ihm, ich singe ihm seine Lieder vor; er erkennt auch seine Lieder nicht mehr. Ist das nicht wirklich fürchterlich? Ach was, schließlich ist es ja auch komisch genug.”
 
Sie versuchte lustig zu erscheinen, aber ihre Lustigkeit hatte einen falschen Klang. Ihr Gesicht war ernst, ihre Nasenflügel vibrierten noch heftiger, sie lehnte sich schwerer auf meinen Arm und ich fühlte, wie ein Schauer ihren ganzen Körper überlief.
 
Da bemerkte ich, daß an der Mauer zur linken Seite, gerade gegenüber jeder einzelnen der Zellen, tiefe Nischen angebracht waren. Diese Nischen enthielten gemalte Holzreliefs, die mit dem entsetzlichen Realismus, der der Kunst des äußeren Orients eigen ist, alle Arten von Foltern darstellten, die in China im Gebrauch sind: Szenen der Enthauptung, der Erdrosselung, des lebendigen Schindens und Zerstückelns des Körpers, teuflische, aber genau mathematisch berechnete Phantasien, die die Kunst der Qualen bis zu einer, unseren westlichen Grausamkeiten, die doch schon erfindungsreich genug sind, unbekannten Vollendung gebracht haben. Ein Museum des Schreckens und der Verzweiflung, in dem nichts von der menschlichen Wildheit vergessen worden war, die ohne Unterlaß, zu allen Tagesstunden, in genauen Bildern den Sträflingen den wissenschaftlich vorbereiteten Tod, für den sie ihre Henker bestimmt hatten, ins Gedächtnis zurückrief.

“Sieh das doch nicht an!”, sagte Clara zu mir, mit einem verächtlichen Schmollen. “Das ist doch nur bemaltes Holz, mein Liebling. Hierher mußt Du schauen, das ist die nackte Wahrheit. Sieh mal, gerade hier ist mein Dichter.”

Und mit einer lebhaften Bewegung blieb sie vor der Zelle stehen.

Bleich, fleischlos, mit dem Lachen eines Skelettes behaftet, während die Backenknochen die vom Brand verzehrte Haut fast platzen machten, die Kinnbacken nackt unter den herabhängenden Lippen, so sah das Gesicht aus, das gegen das Gitter gelehnt war, an das sich zwei langknochige Hände, die Vogelklauen glichen, klammerten. Dieses Gesicht, aus dem jede Spur von Menschlichkeit für immer verschwunden war, die blutunterlaufenen Augen, die Hände, die wie trockene Krallen geworden waren, entsetzten mich. Ich fuhr unwillkürlich zurück, um nicht auf meiner Haut den verpesteten Atem dieses Mundes zu fühlen und eine Verwundung von diesen Krallen zu erleiden.

Aber Clara führte mich lebhaft vor den Käfig zurück, in dessen Tiefe, in einem schrecklichen Dunkel fünf lebende Wesen, die früher einmal Menschen gewesen waren, herumliefen, ohne einen Augenblick lang Halt zu machen und sich ohne Unterlaß drehten, den Leib nackt, den Schädel schwarz von blutrünstigen Wunden. Athemlos, bellend, heulend, suchten sie vergeblich durch wüthendes Stoßen den festen Schlußstein aus seinen Fugen zu heben. Dann begannen sie wieder herumzulaufen und sich mit der Beweglichkeit von Raubtieren und der Obszönität von Affen im Kreise zu drehen. Ein breites, wagerecht angebrachtes Brett verbarg die untere Hälfte ihres Körpers, während von dem unsichtbaren Fußboden der Zelle ein todbringender, betäubender Geruch aufstieg. Wir waren endgültig angekommen: im Garten der Qualen.

Aus der Reihe "Garten der Qualen" 05.01.2008 Weiter lesen

imageOctave Mirbeau schrieb obige erotische Geschichte. - Der französische Schriftsteller wurde 1850 bei Bayeux geboren und starb 1917 in Paris. Bekannt war er für kritisch-satirische Romane und sozial-engagierte Bühnenstücke. Aufsehen erregte sein Theaterstück "Geschäft ist Geschäft" aus dem Jahr 1903. Mit ätzender Schärfe legt er hier bloß, wie einem Geschäftsmann der Profit wichtiger ist als Freunde und Familien. Weitere Werke: "Tagebuch einer Kammerzofe" (Roman, 1900) und "Der Garten der Qualen" (Roman, 1899).

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Ein perverses Werk - Im Jahr 1899 erscheint "Der Garten der Qualen" - und wird unmittelbar zu einem Skandal. Das Buch (französischer Originaltitel : Le Jardin des supplices) verstört die Zeitgenossen mit seiner drastischen Schilderung der Sexualität; mehr aber noch mit der Lebenshaltung, die hinter den geschilderten sexuellen Verhaltensweisen aufleuchtet. Sie wird als pervers empfunden. Eine Einführung in das Werk "Der Garten der Qualen".

erotische geschichten

Die Erotik-Reihe "Garten der Qualen" - alle bisherigen Folgen

Die erste Geschichte der Reihe stehen in der Liste oben, neueste Liebesgeschichten stehen unten.

“Schamloses Machwerk, skandalöses Buch!”
01 - Die Vögel verschmähten ihren Leichnam
02 - Junge Mädchen in Russland - von Soldaten zu Tode gefickt
03 - Bald war meine Lanze rau und rot
04 - Auf dem Weg zum Garten der Qualen
05 - Das verwesende Fleisch
06 - Die Wollust der Menschen
07 - Die Qualen der Wollust
08 - Die glühende Gerte auf dem Fleische
09 - Stinkendes Fleisch und zuckende Leiber
10 - Männer in Ketten

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