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09 - Stinkendes Fleisch und zuckende Leiber

Einige Minuten später enstand in den Zelten und unter der Menge ein Geräusch. Durch meine schweren Lider, die sich wider meinen Willen bei dem Schrecken dieses Berichts fast geschlossen hatten, sah ich, dass die Tore zum Bagno geöffnet wurden. Langgereckte Sänftenträger mit grinsenden Gesichtern, furchtbar magere Kerle mit nackter Brust, deren Narben man unter den Fetzen der Kleidung deutlich sah, hielten hoch über ihren Köpfen mit Fleisch gefüllte Körbchen, während die Sonne die Zersetzung des Fleisches da drin beschleunigte und einen Schwarm neuer larvenhafter Lebewesen entstehen ließ.

Gespenster des Verbrechens und der Hungersnot, Schreckbilder eines schweren Traumes, in dem einen der Alp drückte und von Metzeleien wiedererstandene Dämonen der ältesten und schreckerfülltesten Sagen Chinas sah ich neben mir. Ihr Lachen zerschlitzte den Mund sägenförmig, indem es die von Bethel gefärbten Zähne zeigte und sich bis zur Spitze des Kinnbarts in widerwärtigen Falten fortsetzte. Andere beschimpften sich und zerrten sich roh am Zopfe; noch andere glitten gleich Raubtieren herbei, drangen in den Wald von Menschenleibern, durchsuchten die Taschen, schnitten Börsen ab, stahlen Schmucksachen und verschwanden, indem sie ihre Beute in Sicherheit brachten.

“Die Glocke! ... Die Glocke!”, rief Clara wiederholt.

“Aber was für eine Glocke?”

“Du wirst schon sehen ... Eine Überraschung ist es!”

Gerüche von Plumpsklos, gemischt mit Schlächterei und Schindangergestank und Ausdünstungen menschlicher Leiber, machten mich ganz elend und ließen mir kalte Schauer über den Rücken gleiten. Ich hatte innerlich denselben Eindruck tödtlicher Lähmung, den ich so oft in den Wäldern von Annam lebend gefühlt, wenn Miasmen den tiefen Humusschichten entsteigen und der Tod hinter jeder Blume, hinter jedem Blatt, hinter jedem Kräutlein lauert. Gleichzeitig von allen Seiten gedrückt und gestoßen, konnte ich fast nicht mehr atmen und war endlich auf dem Punkte ohnmächtig zu werden.

“Clara! ... Clara!”, rief ich.

Sie gab mir Riechsalz zum Atmen, deren starker Duft mich ein wenig belebte. Sie selber war frei von allem Unbehagen, sehr vergnügt inmitten dieser Menschenmenge, deren Gerüche sie einatmen mußte, deren widerlichste Umarmungen sie mit einer Art von verzücktem Lustgefühl ertrug. Sie reichte ihren Leib - diesen ganzen schlanken, zarten, vibrierenden Leib - den Rohheiten, den Schlägen, hin und setzte ihn dem Zerrissenwerden aus. Ihre ach so weiße Haut färbte sich rötlich; ihre Augen hatten den verschwommenen Ausdruck geschlechtlichen Genusses; ihre Lippen waren geschwellt gleich zwei harten, zum Einschließen bereiten Knospen ...

Sie rief mir wiederum in einem Tone wie von spötischem Mitleid zu: “Ach, das kleine Mädchen! ... kleines Mädchen! ... kleines Mädchen! ... Sie werden nie etwas anderes als ein kleines Mädchen, das gar nichts aushalten kann, sein!”

Als wir aus dem blendenden, überwältigenden Sonnenlicht heraus waren und den Gang endlich betreten hatten, schien er mir im ersten Augenblick voll von Schatten zu sein. Dann sah ich immer deutlicher, als sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt hatte, und ich konnte mir klar darüber werden wo ich mich eigentlich befand.

Der Gang war breit und hoch, an der Decke befanden sich Glasscheiben von einer Dicke, daß nur gedämpftes Treibhauslicht in den Raum fiel. Ein Gefühl feuchter Kühle, fast von Kälte durchdrang mich ganz und gar, wie die Liebkosung einer Quelle. Die Mauern trieften gleich den Felswänden unterirdischer Grotten. Unter meinen Füßen, die von Kieseln der Ebene verbrennt waren, hatte der Sand, der die Balken des Ganges bedeckte, die weiche Frische einer Düne am Meeresstrande ... Ich atmete die Luft in vollen Zügen ein.

Clara sagte zu mir: “Du siehst, wie nett man zu den Sträflingen ist hierzulande. Wenigstens haben sie es kühl.”

“Aber wo sind sie?”, fragte ich. “Ich sehe links und rechts nichts als Mauern.”

Clara lächelte.

Wir schritten voran und die Gerüche, deren ammoniakhaltige Herbheit uns in die Augen biß und zum Husten reizte, waren ekelhaft. Eine Glocke läutete dort unten. In weiter Ferne, langsam und sanft, erstickten Töne, gleich der Klage eines Menschen im Todeskampf.

Clara wiederholte zum dritten Mal: “Oh! Diese Glocke! Er stirbt, er stirbt, mein Liebling! Wir werden ihn vielleicht sehen.”

Plötzlich fühlte ich, wie ihre Finger sich nervös in meinen Arm preßten. “Mein Liebling! Mein Liebling! Da rechts. Das ist fürchterlich.”

Lebhaft wandte ich den Kopf. Das höllische Schauspiel begann an uns vorüberzuziehen.

Rechts waren in die Mauer weite Zellen eingelassen oder vielmehr weite Käfige, die durch Eisenbarren versperrt und durch dicke Steinplatten von einander getrennt waren. Die ersten zehn Käfige waren von je zehn Verurteilten eingenommen und in all den Szenen spielte sich das gleiche, fürchterliche Schauspiel ab. Der Hals jedes Einzelnen war in einen so umfangreichen Prangerring eingeschlossen, daß man den übrigen Leib nicht sehen konnte. Es war, als ob fürchterliche, noch lebende Köpfe von Enthaupteten auf Tische gestellt wären.

Bagno: Aus dem Italienischen. Ursprünglich “Bagni” für “Bad”. Mehrere Orte in Italien haben diesen Namensbestandteil. Ab dem 17. Jahrhundert immer häufiger gebraucht in Verbindung mit Werften, feuchten Gefängnishöhlen. Hier verwendet in der Bedeutung “Verließ”.

Bethel: Uns ist unklar, was gemeint ist. Es muss eine Krankheit sein. Aber Epilepsie, die auch damals schon führend in Bethel (bei Bielefeld) behandelt wurde, mag es nicht sein. Wer hier aufklären kann, meldet sich bitte. Kontaktformular benutzen. - Leser Hardy Wowlycseck schreibt in einer Mail dazu: “Ich gehe mal davon aus, daß es sich bei ‘Bethel’ nicht um eine Krankheit, sondern um die Betelnuß handelt. Sie erfüllt alle hier genannten Kriterien. Die Schreibweise mag damals noch so gewesen sein, wie im Text zu lesen.” - Klingt sehr plausibel!

Schindanger: Abdeckerei, Hinterhof einer Hinrichtungsstätte.

Miasmen: Schädliche Gase, Fäulnisgerüche.

Aus der Reihe "Garten der Qualen" 21.12.2007 Weiter lesen

imageOctave Mirbeau schrieb obige erotische Geschichte. - Der französische Schriftsteller wurde 1850 bei Bayeux geboren und starb 1917 in Paris. Bekannt war er für kritisch-satirische Romane und sozial-engagierte Bühnenstücke. Aufsehen erregte sein Theaterstück "Geschäft ist Geschäft" aus dem Jahr 1903. Mit ätzender Schärfe legt er hier bloß, wie einem Geschäftsmann der Profit wichtiger ist als Freunde und Familien. Weitere Werke: "Tagebuch einer Kammerzofe" (Roman, 1900) und "Der Garten der Qualen" (Roman, 1899).

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Ein perverses Werk - Im Jahr 1899 erscheint "Der Garten der Qualen" - und wird unmittelbar zu einem Skandal. Das Buch (französischer Originaltitel : Le Jardin des supplices) verstört die Zeitgenossen mit seiner drastischen Schilderung der Sexualität; mehr aber noch mit der Lebenshaltung, die hinter den geschilderten sexuellen Verhaltensweisen aufleuchtet. Sie wird als pervers empfunden. Eine Einführung in das Werk "Der Garten der Qualen".

erotische geschichten

Die Erotik-Reihe "Garten der Qualen" - alle bisherigen Folgen

Die erste Geschichte der Reihe stehen in der Liste oben, neueste Liebesgeschichten stehen unten.

“Schamloses Machwerk, skandalöses Buch!”
01 - Die Vögel verschmähten ihren Leichnam
02 - Junge Mädchen in Russland - von Soldaten zu Tode gefickt
03 - Bald war meine Lanze rau und rot
04 - Auf dem Weg zum Garten der Qualen
05 - Das verwesende Fleisch
06 - Die Wollust der Menschen
07 - Die Qualen der Wollust
08 - Die glühende Gerte auf dem Fleische
10 - Männer in Ketten
11 - Im Garten der Qualen

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