Alles über sexuelle Entgleisungen

Der Garten der Qualen

Frankfurt, im November 2019 | Eig. Ber. von Ariane Aran - Im Jahr 1899 erscheint Der Garten der Qualen - und wird unmittelbar zu einem Skandal. Das Buch (französischer Originaltitel : Le Jardin des supplices) verstört die Zeitgenossen mit seiner drastischen Schilderung der Sexualität; mehr aber noch mit der Lebenshaltung, die hinter den geschilderten sexuellen Verhaltensweisen aufleuchtet. Sie wird als pervers empfunden.

Erst aus dem Abstand von mehr als 100 Jahren treten die Qualitäten des Romans gegenüber dem Leser deutlicher hervor. Qualitäten, die sich gerade nicht im Sexuellen erschöpfen: Mirbeau verbindet im “Garten der Qualen” Zeitkritik, Kulturpessimismus und Dekadenzschilderungen einer Gesellschaft, die auf die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den 1. Weltkrieg, zusteuert. Ähnliches hat nur Mirbeaus Schriftstellerkollege Joris-Karl Huysmans geschafft, der in derselben Zeit wie Mirbeau veröffentlichte.

So skandalös Mirbeaus “Garten der Qualen” um die Jahrhundertwende war (in Deutschland war das Werk zeitweise verboten), so sehr ist es heute vergessen. Dies mag auch an Mirbeaus Sprache liegen, die dem heutigen, eiligen Leser ungewohnt ist.

Während Texte von Mirbeaus Zeitgenossen Jules Renard messerscharf formuliert sind und kein überflüssiges Wort enthalten. verharren Mirbeaus Werke teilweise noch in der blumigen Sprache des 19. Jahrhunderts. Der Leser des 21. Jahrhunderts möchte Mirbeau zurufen: “Komm zur Sache.” Das tut er auch - aber erst einige Seiten später. “Der Garten der Qualen” wurde daher von Mike Mueller behutsam gekürzt und redigiert, um den vollen Lesegenuss zu ermöglichen.

Kurz zum Inhalt des Buchs: Der Ich-Erzähler scheitert als Politiker und verliebt sich in eine Engländerin: Clara. Er verfällt der geheimnisvollen Schönen und folgt ihr nach China. Erst jetzt entdeckt er Claras Wesen ganz. Die Dame enthüllt grausame Züge, unmerklich führt sie ihn in ihren Garten der Qualen ein. Er entdeckt dort erbarmungslose Folterpraktiken und den Kult um die Schönheit, perverse Liebestechniken, Drogenexzesse sowie endlose Sexnächte - aber auch einen ganz eigenen Kult um Blumen und Schönheit. Am Ende jedoch überwältigt auch den Erzähler das Gesehene und er fällt in eine Ohnmacht; wobei klar ist, dass der Adelige wieder und immer wieder zu Besuch in den Garten der Qualen gehen wird ...

Auslöser für den Roman soll eine literarische Skizze von Jules Renard gewesen sein, die Mirbeau zufällig las: “Muttersohn” (Originaltitel “Poil de Carotte”), 1894 erschienen:
Darin findet der Held einen Maulwurf. Nachdem er mit ihm gespielt hat, beschließt er, ihn zu töten. Er wirft ihn mehrmals so geschickt in die Luft, daß er auf einen Stein fällt:

Schon sind die Pfoten des Maulwurfs zerschmettert, ist der Kopf gespalten, das Rückgrat gebrochen, und er scheint kein zähes Leben zu haben. Dann merkt Poil de Carotte völlig verblüfft, daß er aufhört zu sterben. Er mag ihn noch so in die Höhe, ja haushoch, bis in den Himmel werfen, es geht nicht voran.

“Donnerwetter! Er ist nicht tot!”, sagt er.

Der Maulwurf preßt sich gegen den blutbefleckten Stein; sein fetter Bauch wabbelt wie Gelee, und dieses Wabbeln erweckt den Anschein, daß er lebt.

“Donnerwetter!”, schreit Poil de Carotte erbittert, “er ist immer noch nicht tot!”

Er hebt ihn auf, beschimpft ihn, ändert die Methode. Rot vor Zorn, mit Tränen in den Augen, spuckt er ihn an, schmettert ihn aus nächster Nähe mit aller Kraft gegen den Stein. Aber der unförmige Bauch zittert noch immer.

Und je mehr der rasende Poil de Carotte zuschlägt, desto weniger scheint ihm der Maulwurf zu sterben.